Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Seit, und also auch nicht für den Begriff des Menschen. Erkenntnis ist Erkenntnis aus Voraussetzungen und Grundlagen, vor denen und an denen der Erkennende selbst Rechenschaft abzulegett hat für jeden Schritt seiner Erkenntnis. Rechenschaft muß daher auch das oberste Anliegen derjenigen Erkenntnis sein, welche das Sittliche, welche den Begriff des Menschen betrifft. Ich habe es empfangen; es ist mir überliefert worden, das sind keine Mittel und Vermittelungen des Sittlichen. Nicht einmal darf ich sagen: ich habe es erkannt; sondern allein: ich habe es zu erkennen; denn es bleibt unaufhörlich mein größtes, nächstes und allezeit schwerstes Problem. Und wie die Erkenntnis kein Ende hat, und auch nicht einmal einen unablösbaren Anfang, so muß die Rechenschaft stets von neuem anfangen, und immer tiefere Grundlagen erspähen und versuchen, um neue Fundamente und neue Befestigungen für den Begriff des Sittlichen, für den Begriff des Menschen zu gewinnen. So fordert es der Begriff der Erkenntnis. Haben wir nun so den Begriff der Sittlichkeit in dem der systematischen Ethik begründet, auf sie beschränkt, und in ihr beschlossen, so wenden wir uns nunmehr dem Problem der Religion zu. Eine große Strecke geht sie mit dem Sittlichen zusammen, und es könnte scheinen, als ob ihr Weg derselbe wäre, wie der der Sittlichkeit. Es könnte so scheinen, wenn nicht die Sittlichkeit als die ethische, als die philosophische Sittlichkeit jetzt streng und genau bestimmt wäre. Aeußerlich, wenngleich mittelst eines wichtigen Begriffes, läßt sich der Unterschied dahin bestimmen, daß die Religion auch von Gott handelt. Man könnte nun zwar sagen, daß auch die Sittlichkeit dem Verhältnis zu Gott nicht entrückt sei; indessen, ohne noch auf genauere Unterschiede zu achten, wäre doch die Eigentümlichkeit der Religion in dem Begriffe Gottes schon dadurch begründet, daß die Religion die Urheberschaft für den Begriff Gottes beansprucht. Und