Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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109 das Problem des Sittlichen für die menschliche Kultur zu verwalten und zu verantworten hat. Es muß in das Sprachgefühl des gebildeten Menschen kommen, daß das Wort sittlich unsittlich gebraucht wird, wenn es nicht auf Grund seiner ethischen Bedeutung gedacht wird. Die Zweideutigkeiten liegen jetzt ja zu Tage, welche mit diesem Grundworte der inenschlichen Kultur getrieben werden; es bedarf dazu uicht einmal der ästhetischen Nutzanwendung. Und es ist daher auch der Mißbrauch nicht nebensächlich, der in der Aneignung des griechischen Wortes zu erkennen ist, während bisher das lateinische Wort im Gebrauche war. Der Unterschied ist durchsichtig: das Moralische galt nicht nur als relativ, sondern auch ebenso sehr als zufällig, wie als dehnsam. Man wollte sich den Anschein geben, daß man etwas Allgemeines und Ursprüngliches anerkenne; man wollte somit dem Apriorismus der Philosophie es gleichtun, und dennoch in schlichter Evidenz ihn übertreffen und entwerten. Der Verrat aber, der dabei begangen wurde, nämlich an der Wissenschaft, an der wissenschaftlichen Erkenntnis, an der Philosophie, über den war man sich nicht klar; wollte man sich nicht klar werden. Und doch inahnte das griechische Wort deutlich genug an Sokrates und Platon, an die methodischen Entdecker der Ethik, an die Begründer der Sittlichkeit. Sie haben in dem Begriffe des Menschen den Begriff der Sittlichkeit zur Entdeckung und zur Bestimmung gebracht. Das Wesen der Sittlichkeit, das ist das Wesen des Menschen. Das Wesen des Menschen, das ist das Wesen der Sittlichkeit. Aber diese Identität konnten sie nur dadurch errichten, daß die Erkenntnis, die wissenschaftliche Erkenntnis das Bindeglied der Vernunft bildet für den Menschen und für die Sittlichkeit. Ohne Erkenntnis kein Begriff des Menschen und kein Begriff der Sittlichkeit. Nicht Erleuchtung, nicht Phantasie, nicht Ausnahme und bloßes Lernen von anderen Quellen oder Geistern ist für die Erkenntnis möglich, und also auch nicht für die Sittlich-