Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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108 selbst Hegel konnte dabei vermöge seiner Staatsidee den Nährvater bilden. Und dennoch ist heutzutage das Wort Sittlichkeit und der philosophische Begriff der Ethik in. jenen Kreisen ebenso zum Spott geworden, wie jede Anspielung auf Religion. Es dürste kein Symptom geben, welches die Verworrenheit des Zeitalters und seine Verlassenheit von ewigen historischen Leitbegriffen anschaulicher bloßstellte als diese beklagenswerte Tatsache. Der Materialismus der Geschichtsansicht ist der schroffste Widerspruch zu dem ethischen Idealismus, in welchem der Sozialismus ebenso begrifflich, wie historisch, seine Wurzel hat. Wir betrachten jetzt aber diese traurige Verirrung nicht aus dem Gesichtspunkte der Politik, sondern allein aus dem unseres Themas, und da zeigt sich unwidersprechlich, daß das Sittliche keineswegs so selbstverständlich ist, wie es dafür von der Bildung nebst der sogenannten ethischen Kulturbildung ausgegeben wird. Es wird geleugnet; es wird für eine heuchlerische Illusion erklärt, mit der man nur die bestehenden Verhältnisse beschönigen wolle. Daher entsagt man dem Problem der Sittlichkeit, und will sich allein auf das der materiellen Natur verlassen, das allein sich auch in der geschichtlichen Menschenwelt durchsetze, und durchzuführen habe. Auch hier soll die Macht allein das Recht ausmachen. Als Trotzdevise hat es sich Jahrzehnte lang verstehen lassen; allmählich aber ist die Parole allzu gefährlich und selbstverräterisch geworden. Kann etwa der Bildungsbegriff des Sittlichen dagegen aufkommen? Hat nicht etwa vielmehr er gerade an seinem Teile dazu mitgewirkt, daß eine solche Dreistigkeit der Kampfparole sich auftun und festlegen konnte? Der Materialismus der Geschichtsansicht stellt es für jedes politische Urteil außer Frage, daß der Begriff des Sittlichen der philosophischen Ethik angehört, und daß seine Geltung, sein Wert und sein Sinn in die äußerste Gefahr gerät, zu verschwinden, wenn die philosophische Ethik nicht als seine Hüterin, wenn sie nicht als die wissenschaftliche Instanz anerkannt wird, welche