Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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107 durch ihren Gegensatz, zur systematischen Ethik im Zusammenhänge unserer "Gedanken abgeurteilt ist. Wer die philosophische Ethik verachtet, der tritt unrettbar unter den Spruch: „Verachte nur Vernunft und Wissenschaft." Die wissenschaftliche Vernunft allein kann für das Problem des Sittlichen einstehen; und nur die Ethik, die philosophische Ethik, vertritt in methodischer: Rechtmäßigkeit für die Sittlichkeit die wissenschaftliche Vernunft. Die Differenzen, auf die wir hinwiesen, konnten nicht ausbleiben; sie prägen sich jetzt mit erschreckender Deutlichkeit in der politischen Physiognomie des Zeitalters aus. Gegenüber der schöngeistigen Redseligkeit von der Einfachheit und Evidenz des Sittlichen, für die es nur der gegenseitigen Aussprache in Versammlungen, oder richtiger des hingebenden Anhörens vorr begeisterten Ansprachen bedarf, um alle Schwierigkeiten unter den Menschen auszugleichen, arbeitet die Politik unserer Tage mit offenem Visir, um das Geheimnis im Wesen des Menschen zu enthüllen, welches Hobbes durch den biblischen Ausdruck des Leviathan formuliert. Der Krieg aller gegen alle, das sei der Sinn des Menschentums. Diesen Krieg soll der Staat nicht etwa schlichten und endigen; es gibt keinen Frieden für. das Menschengeschlecht nach dieser Weltansicht; nur bändigen kann und soll der Staat das Ungetüm des politischen -Menschen. Und dazu soll die Religion dem Staate Beistand leisten; den Beistand des Schergen zur Zähmung allenfalls der Menschenbestie. So verbinden sich bei Hobbes der Absolutismus des Staatsbegriffs mit dem der Religion. Der Materialismus ist hier das einheitliche, einigende Band, welches diese Weltansicht für die Natur und für die Sittlichkeit verbindet. Wer hätte denken können, daß die große politische Partei, welche das soziale Problem in seiner Konsequenz innerhalb der jetzigen Weltlage durchkämpft, auf denselben Materialismus verfallen könnte? AusdemJdealismus der deutschen Philosophie war dieses Programm und diese Partei entsprossen, aus Kant und Fichte; und