Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Wegweiser noch Ratgeber als die Bildung, die ihm in breiten Strömen zufließt. Und gemäß dieser Bildung steigt kein Zweifel daran in chm auf, ob der Begriff des Menschen und der Menschen ihm klar sei, und ob er ein zuverlässiges Wissen und Erkennen vom Sittlichen besitze. Immer aber muß man bedenken, daß die Bildung sich nicht etwa mit der Ungelehrsamkeit deckt. Innerhalb der Fachgelehrsamkeit vielmehr nimmt man bis zu hohen Stufen der Intelligenz hinauf an den Vorurteilen der Bildung teil. Wo es sich um Philosophie handelt, da ist in den breitesten Schichten der gelehrten Forschung auf allen Gebieten derselben gleichsam eine Verschwörung vorhanden. Man muß es so ausdrücken, um die Gefahrerkennbar zu machen, welche darin für die wahre Kultur besteht. Wie der Mathematiker und der Naturforscher eine schädliche, zum mindesten eine entbehrliche Mitbewerbung in der Philosophie, insbesondere in der Logik argwöhnt, so der Historiker, der Jurist, der Politikerin der Philosophie, als Ethik. Sie unterstützen alle die Ansicht der Halbbildung, daß das Sittliche etwas Selbstverständliches sei, für dessen Verständnis und zumal bei dessen Behandlung daher die Philosophie nur vom Uebel sei. Sie wird in diesem Sinne als Metaphysik gekennzeichnet. Damit weicht man der unliebsamen Konsequenz aus, die Philosophie überhaupt verabschieden zu müssen, die doch immer noch den Schimmer eines rationellen Ansehens hat. Nur die Metaphysik, die ja seit Kant gerichtet ist, trifft das Verdict, mit welchem die Bildung sich der Schulphilosophie gegenüber selbständig und vorurteilsfrei macht. So wird der Name und der Titel der Sittlichkeit in der allgemeinen Bildung des Zeitalters festgehalten; wie denn sogar eine Gesellschaft für ethische Kultur sich gebildet hat, über Europa und Amerika verbreitet, in dem ausgesprochenen Gegensätze, ebenso zur Philosophie, als der wissenschaftlichen Ethik, wie zur Religion. Wir haben daher hier nicht weiter über diese interessante Abart des Gegensatzes zur Religion zu urteilen, da sie