Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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105 aus ihm allein kann sich auch das sogenannte Wesen der Religion oder einer Religion nur ableiten lassen — müssen wir erst noch bei diesem Begriffe der Ethik verweilen. Wir haben ihn auch als den methodisch einzigen Grund der Sittlichkeit zu erkennen. Wir kommen hierbei auf eine andere Gegnerschaft zur Religion. Abgesehen von der Opposition, welche von der unklaren Vorstellung der Wissenschaft ausgeht, auf die wir noch genauer einzugehen haben werden, ist es auch die über die allgemeinen Kreise der Bildung hinaus herrschende Vorstellung vom Sittlichen, welche einen Gegensatz gegen die Religion bildet. Unverkennbar ist die gute Tendenz in diesem Widerstreit. Achten wir nur auf das positive Moment, welches der Zug zum Sittlichen dem religiösen Hange entgegenstellt, ohne noch weiter auf den eigenen Inhalt der Religion einzugehen. Das Sittliche betrifft die unmittelbaren Verhältnisse der Menschen untereinander, und damit auch des Menschen zu sich selbst. Es will scheinen, daß diese beiden Verhältnisse das Problem des Sittlichen erschöpfen, und damit das Problem des Menschen. Denn diese beiden Begriffe decken sich: der Mensch und das Sittliche. Die Religion aber har noch andere Interessen. Darauf allein wollen wir jetzt sehen; nicht aber darauf, welchen Inhalt diese Interessen betreffen, geschweige welchen Wert sie haben. Gerade das lebendige, mächnge, ausschließliche Interesse für den Menschen und für die Menschen zeichnet die Sittlichkeit aus; und darin besteht das überragendeJnteresse, mit dem sie das moderne Bewußtsein beherrscht. Sittlich wollen die Menschen sein, aber nicht religiös. Dem Begriffe des Menschen und der Menschen wollen sie gerecht werden; darüber hinaus gibt es keine Sittlichkeit, mithin kein menschliches Interesse. So orientiert sich die moderne Ablehnung der Religion. Bis dahin sind Alle einig, welche von Religion nichts wissen wollen; bald aber muß eine Differenz entstehen. Der gebildete Mensch par excellence freilich bleibt bei diesem Punkte stehen; für ihn gibt es keinen andern