Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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101 im Wesen des modernen Menschen dem Wesen der Religion gegenüber Unabhängigkeit anerkennen. Und gerade um nichts Anderes handelt es sich im modernen Bewußtsein als um das Wesen der Religion. Alle Außenwerke gibt man Preis, auf allen Seiten; wenngleich nicht auf allen ausdrücklich zugestandener Weise; aber das Wesen soll bleiben; soll das ewige Recht der Religion bilden. Wenn aber das Wesen durchaus eben von der historischen Macht abgelöst, und auf das Recht gegründet wird, so wird damit die Unabhängigkeit des das Recht suchenden Geistes anerkannt. Und somit entsteht die Fingeauf welchem Rechtsgrunde des Menschenwesens, des modernen Menschengeistes, beruht diese Unabhängigkeit der Religion gegenüber, kraft dessen die Macht der Religion in ihrem Rechte begründet werden soll? In dem Wortlaut der Frage schon ist es enthalten, daß dieser Rechtsgrund nicht schlechterdings der Religion selbst entlegen sein müsse; nur in ihren Machtverhältnissen darf er nicht gesucht, noch als unmittelbar gegeben angenommen werden; in ihren Urrechten dagegen kann er wohl enthalten sein. Diese Urrechte also gilt es zu ergründen und zu enthüllen. Diese Enthüllung ist der tiefste Sinn dessen, was das innerlich gläubige Gemüt stets als Offenbarung gehütet hat: die Enthüllung des Ewigen, das in der Geschichte, oder wie der alte ehrwürdige Ausdruck lautet, in der Erziehung des Menschengeschlechts, sich entwickelt, sich fortpflanzt und sich neugebiert. In welcher Wurzel der Kultur ist die Kraft gelegen, aus welcher der Kulturmensch das Recht der Freiheit seiner Religion gegenüber zu schöpfen vermag; nicht etwa die Freiheit, mit der er von der Religion sich ablöst, sondern diejenige, welche aus der inneren Harmonie der lebendigen Kulturkräfte erwächst, so daß er aus der Harmonie des Ganzen der Kultur heraus über diesen einen, wie immer innerlichen Teil derselben den freien Blick der Ueberschau und der unbefangenen Abschätzung ihres Anteils an diesem Ganzen zu gewinnen und zu behaupten vermag?