Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Mit einem Worte: welches ist die kontrolierende Instanz für das Nalurrecht der Religion? Wir müssen Vorfällen! der Antwort nachgehen, welche auf diese Frage durch den Hinweis auf die Wissenschaft gegeben wird. Es liegt eine große, schwere Zweideutigkeit in dieser Antwort. In ihr wird keine Lösung im Sinne einer Schlichtung und Befriedigung einander widerstreitender Richtungen und Interessen des Geistes gegeben; sondern eine Erledigung und Ersetzung. Die Religion wird abgelöst durch die Wissenschaft. Sie hat nicht weiter fortzubestehen; an ihre Stelle tritt die Wissenschaft. Nur eines ist dabei von vornherein fraglich: ob nicht schon immer in aller Vergangenheit die Wissenschaft anstatt der Religion ihres Amtes gewaltet habe; oder ob etwa erst unsere Zeit es so weit gebracht habe, diese Stellvertretung zu übernehmen? Sollte dies aber der Fall sein, so würde es erst recht fraglich, worin der bisherige Mangel der Wissenschaft bestanden habe, daß sie bisher die Religion neben sich, oder gar über sich habe dulden müssen. Was hat ihr in der neueren Zeit — und von wann ab datiert man diese? — die Richtung sowohl, wie die Befugnisse gegeben, die Religion auszuschalten, um deren Interessen selbst zu verwalten? Mit der biographischen Geschichte der Wissenschaften ist dabei nicht auszukommen; nicht einmal anzufangen. Denn rnan weiß, wie tief die schöpferischen Geister der Wissenschaft mit den innersten Problemen der Religion verbunden und verwachsen blieben, und wahrlich nicht allein etwa die Engländer von Newton bis Faraday. An den Begriff und an die eigentlichen Probleme der Wissenschaft selbst muß man Herangehen, wenn mau über diese populäre Fragestellung sich richtig orientieren will. Der Ausdruck der Wissenschaft oder in der Mehrheit der Wissenschaften, mit dem man im populären Gebrauche haushält, ist eben ungenau; er macht alle populäre Bildung grundsätzlich zweideutig, und läßt sie nicht zu einer ernsten Gründlichkeit und einer lichten Klarheit kommen. Was für eine Wissenschaft ist es denn, auf die man sich hierbei beruft? Und welche Einheit setzt man denn in