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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 100

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Religion und Sittlichkeit
Date
1907-01-01
Page
Seite 100 (sequence 3)
Language
German
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100 Motive ist vielmehr zu achten, welche innerhalb der Kritik sich fruchtbar erweisen, und somit auf die Momente des innerlichsten eigenen Wachstums, die auf dem feindlichen Boden genährt werden. Und für diese Prüfung genügt es keineswegs, vielmehr zieht es von ihr ab, wenn man nur vergleicht und mustert, was auf Seiten der Negation doch noch von den alten Gedanken und Schutzmitteln festgehalten wird; denn darin würde immer nur das Gesetz der Trägheit obwalten, nicht aber das Eigentümliche, was als Kritik und Rechtfertigung und Fortbildung und Neubildung in der feindlichen Richtung zu erkennen ist, sich wirksam erweisen. Auf das Durchschauen und bereitwillige Anerkennen desjenigen vielmehr kommt es an, was der traditionellen Religiosität in der Tat widerspricht und widerstreitet; wiefern darin gerade der Keim und der wurzelhafte Trieb fruchtbar sei, von dem das Leben der Religion abhängt. Zu solcher Musterung gehört wahrhafte Unbefangenheit, nicht nur den anderen Religionen gegenüber, sondern auch geradezu wenigstens die wissenschaftliche Tendenz zur Unabhängigkeit von der eigenen. Hier entsteht nun aber sogleich die Frage, ob es erstlich überhaupt möglich, dann aber auch, ob es zulässig sei, der eigenen Religion gegenüber sich Unabhängigkeit zu wahren. Freilich dem Nebensächlichen, Ueberkommenen gegenüber ist es unzweifelhaft geboten, und wird beinah allgemein zugestanden. Aber das Wesen, wie man zu sagen pflegt, der Religion, welche jeder ja in der eigenen erkennen will und erkennen darf, wenn anders die Religion das innerste Wesen des Menschen selbst ausmacht, wie kann man dem gegenüber Unabhängigkeit haben und haben sollen? Dennoch ist die Frage nicht abzuweisen; die Selbständigkeit des Kulturbewutztseins hängt davon ab. Es müßte sonst eingeräumt werden, daß die Religion das ganze Wesen des Menschen ausmache; daß sie den. Schwerpunkt feiner gesamten Energie bilde; daß ihr die Leitung und die Steuerung aller seiner Richtungen zustehe. Sofern man diese zentrale Stellung innerhalb der gesamten Kultur im modernen Bewußtsein der Religion nicht zugesteht, insoweit muß man daher auch

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