Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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99 hin entgegenstehende Lager und Parteien verteilt. Zwar soll nicht in Abrede gestellt werden, daß die historischen Mächte der Religion, insbesondere also die Kirche oder die Gemeindeverfassung, ihren verdienstlichen Anteil an deren lebendiger Erhaltung und Forderung haben; aber sie haben mit dem Vorteil auch die Ungunst der historischen Macht gegen sich. Nicht immer ist da das Recht, wo die Macht ist. Das Recht aber darf niemals selbst und an sich als eine Macht gelten wollen, die in ihrer Vergangenheit den genügsamen Grund ihres Fortbestandes behauptet; sondern die Zukunft muß der Mutterboden des Rechts bleiben: die Sorge, die Vorsorge für die künftige Gestaltung der sittlichen Kultur. So muß auch die Religion, sofern sie eine bestehende Macht der Kultur ist, durch immer neue Begründung ihres Rechtes sich behaupten, sich verjüngen, sich gleichsam stets von neuem wieder erzeugen. Dieser Kampf, den sie selbst innerhalb ihrer eigenen Kreise unaufhörlich zu kämpfen hat, tritt jedoch weniger deutlich in den Vordergrund, während ihre Beharrung und ihr Pochen auf dieselbe den Schein des Stillstands und daher bisweilen auch sogar der Erstarrung und der Verwesung erregt. Dahingegen arbeitet die Opposition gegen das Hergebrachte in der Religion immer mit dem günstigen Winde, der überall den fortschreitenden Zug der Geschichte begleitet. Hier tritt sogleich der Schein des Rechts gegen die Macht hervor. Daher ist es einseitig, und von der historischen Fährte ablenkend, in der religiösen Opposition ausschließlich nur eine Verneinung der Religion erkennen zu wollen. Vielmehr bestätigt sich in der radikalsten Bestreitung selbst der alte eingewurzelte Trieb nach ihren Urquellen und Urrechten. Es ist daher auch falsch, das Verhältnis so zu bilden, daß im positiven Lager um so kräfttger die Religion gepflegt werde, je gründlicher sie auf negativer Seite bekämpft wird. Die kräftigere Behauptung ist keineswegs immer eine wahrhaft lebendige Pflege; denn zu dieser gehört einmal unvermeidlich und unweigerlich die Selbstkritik, also die Nutzung dessen, was das andere Lager anstrebt. Auf die positiven 7*