Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 67

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Buddhismus und Judentum
Date
1907-01-01
Page
Seite 67 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111086-3114153--2597-3114236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

67 Leiden für die uns oft jede Erklärung fehlt, die aber in jedem Falle von uns ergebungsvoll getragen werden müssen. Wenn dem gegenüber die Wortführer des Buddhismus die alttestamentliche Lehre anfechten, daß sich in gewissen Fällen die Schuld der Väter auch an den Kindern rächt, so haben wir darauf nur die Antwort, daß dies eine unleugbare Tatsache der Erfahrung ist, die auch die moderne Naturwissenschaft in der Vererbungstheorie anerkennt. Der Buddhismus setzt sich also, wenn er diese Tatsache bestreitet, mit der Wissenschaft in Widerspruch, die er doch sonst, wo es ihm Paßt, als maßgebende Instanz ins Treffen führt. Was ferner den jüdischen Glauben an eine göttliche Offenbarung betrifft, so steht demselben aus Seiten des Buddhismus die Tradition von der Erleuchtimg Buddhas gegenüber, die ja auch in einen gewissen überirdischen Nimbus gehüllt ist. Es bleibt also nur der Glaube an einen Gott, als den Schöpfer und Erhalter, Gesetzgeber und Richter der Welt, dem im Buddhismus ein entsprechendes Dogma nicht gegenübersteht. Das aber ist, wie bereits gezeigt, kein Vorzug, sondern eine klaffende Lücke in der Lehre Buddha's. Denn wenn es auch wahr ist, daß auch der Glaube an Gott nicht alle Erscheinungen zu erklären vermag und noch viele Fragen ungelöst läßt, so wird doch Zahl und Schwierigkeit dieser Probleme nicht geringer, sondern: noch weit größer, wenn wir nicht an einen Gott glauben. Vollends aber zeigt sich die Schwäche des Buddhisnms, wenn wir die Konsequenzen betrachten, die sich aus der Lehre Buddha's für das praktische Leben ergeben. Was ist das Lebensideal des Buddhisten? Es ist Buddhas eigenes Leben, es ist das Leben eines Bhikschu, eines Mönches, der ohne Weib und Kind, ohne jede nützliche Arbeit und Tätigkeit bettelnd durch die Welt zieht und keine andere Aufgabe kennt, als die, alle lebeuzeugenden Keime und Triebe in sich zu töten, alle Regungen der Lebensfreude zu unterdrücken, die Aushebung aller Daseinsbedingungen anzustreben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.