Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Buddhismus und Judentum
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 18)
- Language
- German
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66 Judentum auf seine wesentlichsten Elemente zurück^ führen, so lehrt dasselbe, wie schon der Religionsphilosoph Joseph Albo erkannt hat, drei Grundsätze: 1. Das Dasein eines Gottes; 2. das Gesetz der gerechten Vergeltung und 3. die geschichtliche Tatsache einer göttlichen Offenbarung, oder freier ausgedrükt, die Verbindlichkeit gewisser Gebote für unser Leben und Streben. Daß es eine gerechte Vergeltung gibt, lehrt auch der Buddhismus. Nur hat er an Stelle der einfachen, verständigen jüdischen Vorstellung die phantastische und mystische Lehre vom Karma, gegen welche sich von den verschiedensten Seiten' die schwersten Einwände erheben lassen. So soll nach derselben jedes Mißgeschick, das uns trifft, ausnahmslos die Folge einer von uns begangenen Schuld sein. Haben wir uns nicht in unserem gegenwärtigen Dasein vergangen, so liegt die Schuld in einer unserer früheren Existenzen. Wie aber, so fragen wir, sollen wir es als gerecht empfinden, wenn wir in unserem gegenwärtigen Leben verantwortlich gemacht werden für Handlungen und Unterlassungen in einem Dasein, dessen wir uns garnicht mehrbewußt sind, ja dessen Zusammenhang mit unserem gegenwärtigen Dasein völlig imaginär ist? Denn der Buddhismus leugnet ja auch das Dasein einer Seele; es ist also garnicht abzusehen, worin der Zusammenhang und die Identität zwischen dem handelnden Subjekt einer vergangenen Existenz mit dem handelnden Subjekt der gegenwärtigen Existenz, die die Schuld büßen muß, besteht. Wenn es nicht dieselbe Seele ist, die heute wie ehemals in nur lebt und wirkt, wieso bin ich dann noch derselbe, der in einem früheren Dasein handelte und Gutes oder Böses tat? Und wie grausam, wenn dem Unglücklichen, der sich keiner Schuld bewußt ist, auch noch das Einzige, was ihn zu trösten vermag, das Bewußtsein seiner Unschuld, entrissen wird durchdieVoraussetzung angeblicher Verfehlungen, die ihm niemand Nachweisen kann, von denen er sich aber auch zu reinigen nicht in der Lage ist? Um wieviel gerechter und tröstlicher ist hier die jüdische Auffassung, daß es auch unverschuldete Leiden giebt.