Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Buddhismus und Judentum
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111086-3114153--2595-3114234- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
eine matte Variation des Psalmwortes ist: „Gott ist mit mir, ich fürchte nichts!" (Ps. 118, 6). Von einem solchen beseligenden Gottesgedanken weiß der Buddhismus nichts, und darum kennt er auch nicht den beglückenden Segen des Gebets, wie es in seiner aus aller Seelennot erlösenden Kraft in unseren Psalmen so unvergleichlich tief und schön alle Saiten des menschlichen Herzens erklingen läßt. -Die modernen Anhänger des Buddhismus allerdings machen gerade aus diesem Mangel eine Tugend. Das eben, so meinen sie, ist das Große und Schöne an der buddhistischen Lehre, daß sie weder an beix Gottesglauben, noch an irgendwelches Dogma geknüpft ist, daß sie uns sozusagen eine freie, voraussetzungslose Ethik darbietet. In Wahrheit hat aber, wie wir gleich sehen werden, der Buddhismus auch seine Dogmen; mu; erscheinen dieselben erklärlicherweise gegenüber dem Christentum mit seiner mystischen Trinitätslehre und anderen gleich unbegreiflichen Dogmen weniger dunkel undunverständlich. Gegenüber dem Judentum jedoch kann in dieser Hinsicht von einem Vorzug des Buddhismus keine Rede sein. Streng genommen giebt es auch im Judentmn, wie schon Mendelssohn erkannt hat, außer der Anerkennung eines Gottes überhaupt keine eigentlichen Dogmen. Unsere Thora stellt nie und nirgends an ihre Bekenner die Forderung, ihren Glauben an irgendwelche metaphysische Wahrheiten feierlich und ausdrücklich zu bekennen, wie dies im Christentum geboten ist. Wenn der Jude nur in Handel und Wandel den Geboten der Thora gemäß lebt, erfüllt er vollkommen seine religiöse Pflicht und wird im Uebrigen nicht danach gefragt, was und wie er über dieses und jenes denkt und glaubt. In dieser Beziehung läßt also das Judentum gleich dem Buddhismus seinen Bekennern ein großes Maß geistiger Freiheit. Gleichwohl setzt die jüdische Lehre gewisse Grundwahrheiten voraus, aber das tut auch der Buddhismus. Und auf welcher Seite hier die größere Klarheit und Wahrheit zu finden ist, das kann uns, wenn wir die bezüglichen Lehren nebeneinanderstellen, nicht zweifelhaft sein. Wenn wir das