Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Buddhismus und Judentum
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 15)
- Language
- German
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tum hierin eine geistesverwandte Richtung zeige, dag jedoch das Judentum im geraden Gegensatz dazu einen optimistischen Standpunkt vertrete. Uub darin müssen wir ihm vollständig beipflichten. Rur sehen wir in diesem Optimismus nicht mit ihm eine Schwäche des Judentums, sondern vielmehr seine Stärke imd einen seiner wesentlichsten Vorzüge. Denn das Judentum ist nicht etwa in dem Sinne optimistisch, daß es gegen die Schattenseiten des irdischen Daseins seine Augen verschließt. Wo wäre wohl die Vergänglichkeit und Hinfälligkeit des menschlichen Lebens in ergreisenderen Klängen besungen als in unseren Psalmen? Oder welcher moderne pessimistische Maler könnte das Elend der Welt in grelleren Bildern darstellen, als es uns im Buche Hiob vorgeführt wird? Das Buch Koheleth vollends ist nichts als eiu fortlaufender Kommentar zu dem immer wiederkehrenden Refrain: „Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist eitel!" Das Judentum leugnet also keineswegs die Mängel und Unvollkommenheiten der Welt. Trotzdem aber ist es weit davon entfernt, aus denselben mit dem Buddhismus und den verwandten Richtungen im Christentum und Heidentum lebenverneinende Konsequenzen zu ziehen; vielmehr bejaht es nachdrücklich das Leben und lehrt und fordert von uns mit aller Entschiedenheit die Freude am Leben und die Wertschätzung desselben als eines hohen, kostbaren Gutes. Und wo haben wir die Erklärurig für diesen scheinbaren Widerspruch zu suchen? Das sagt uns der erste Satz, mit dem die Lehre des Judentums beginnt: „Im Anfang schuf ei 11 allmächtiger Gott Himmel und Erde!" Was dieser Gott für die Welt, was er für uns und unser Leben bedeutet, das ist symbolisch in dem ersten Schöpferwort ausgesprochen. Gott sprach: „Es werde Licht, und es ward Licht!" Ja, ohne Gott ist diese Erde allerdings ein Tohuwabohu, eine öde, in Finsternis gehüllte Wüste, mit Gott und durch Gott ist sie eine Welt des Lichts, eine Stätte des Heils und der Freude. Es ist aber sehr bemerkenswert, daß der Gottesgedanke im Judentum nicht Gegenstand eines bloßen Dogmas ist.