Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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33 Damit sind wir auch schon immittelbar in den Kreis der Literaturgeschichte des Mittelalters gelangt, die ein gar seltsames Bild darbietet. Thomas Campanella nannte die Welt „die Handschrift Gottes". In diesem Sinne könnte man die Literatur die Handschrift des Geistes nennen. Allerdings kann man von unserem Schrifttum dies heute kaum behaupten, denn es bietet vorläufig noch eine Art von literarhistorischer Rumpelkammer, angefüllt mit Dissertationen, Separatabdrücken, Schulprogrammen, Zeitungsartikeln und dergleichen mehr, nur selten ein zusammenfassendes großes systematisches Werk über irgend einen Kreis des Wissens. Das ist sehr bedauerlich! Baco von Verülam konnte der Polyhistorie seiner Zeit, in welcher die Wissenschaft ebenso chaotisch behandelt wurde, nicht wirksamer gegenüber treten, als indem er ihr „die Gewalt des Gedankens" anzutun suchte, und sie dadurch eine wahrhaft wissenschaftliche Encyklopädie zu werden nötigte, in der denn auch die Geschichte der Literatur selbst und ihre Verzweigungen nurin einem gedankenmäßigen Zusammenhänge der Entwickelung ihre Stelle finden konnte. Wo ist ein moderner Baco, der für ims diese Riesenarbeit übernähme? Unsere jungen Gelehrten antworteten aus solche Einwände, daß es in den einzelnen Wissenszweigen noch an den nötigen Vorarbeiten fehle und daß diese erst geschaffen werden müßten, ehe man an eine systematische und zusammenfassende Schöpfung herantreten könnte. An sich mag dieser Einwand berechtigt sein, aber wir möchten uns doch die Frage erlauben, wie Rapaport, Luzzatto und Zunz an den Aufbau ihrer Werke, fast ohne jede Vorarbeit herantreten konnten? Und welche Vorarbeiten hatten denn Jost, Grätz und Herzfeld, als sie ihre Geschichtswerke schrieben? Ferner wenden unsere jungen Gelehrten ein, daß ihnen ihr Amt zu wenig Zeit für wissenschaftliche Arbeit lasse, und manche, daß ihnen ihr Wohnort zu wenig Hilfsmittel gewähre. Auch diese Einwendungen mögen berechtigt sein, aber beiden gegenüber kann man die obigen Beispiele ebenfalls anführen. Außerdem waren die damaligen Verhältnisse viel schlimmer, 3