Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Der Weiberfeind
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 255 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111084-3113875--2516-3114144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
255 Die andere ruft: „Verjag' sie nicht! Zu Herzen sie ist deine Pflicht; Sie ehrt dich auch, fehlt ihr's an Liebe nicht;" Und sieh', die große Menge schreit: „Er werde nicht befreit! Löst nicht das Band, worin sie ihn geschlagen! Dern Manne Heil, der jung das Joch lernt tragen!" — Da stand nun Serach still. — Mit einem mal, Wie wilde Tauben aus waldigem Tal, Die Frauen kommen zumal Und machen sich Bahn Und treten schreiend heran: „Seid billig, übt Gerechtigkeit, Das Unheil von euch bleibe weit! Serach darf nicht als Vorbild sich erblicken; Solang' er lebt, darf er nicht fort sie schicken!" Da wächst der Aufruhr und das^ Volks getümmel. Und das Geschrei der Stadt steigt bis zum Himmel. — Doch Brudergut stillte Die Menge, die wilde. Und sprach: „Was tobt ihr so gewaltig? Für's beste halt' ich, Ihr wollet einen Sprecher euch ersehen, Mit Serach vorzustehen Bei jenem König, der würdig sein Szepter führet Und dort in der „Rosenstadt" *) residieret; *) Im Texte heißt die betreffende Stadt: „Schuschan habbira". Welche abendländische Stadt jedoch hier gemeint sei, ist nicht naher angegeben. Auch welche Persönlichkeit unter dem Fürsten verstanden sei, der als Schiedsrichter -angerufen ^werden sollte (der Dichter wollte damit einem angesehenen Zeit- und Glaubensgenossen eine wohl angebrachte, schmeichelhafte Anerkennung zollen), ist nicht näher zu ermitteln. Aus den verschiedenen Anspielungen dürste wohl hervorgehen, daß der also gefeierte der Familie des berühmten Abraham ibn Esra angehört habe. Der Verfasser unseres Gedichtes lebte ungefähr hundert Jahre nach dem genannten berühmten Gelehrten. Es ist sehr zu bedauern, daß wir über das Leben des Dichters aller näheren Nachrichten entbehren. (Wie aus der Einleitung hervorgeht, ist Abraham ibn Alfachar gemeint.)