Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Der Weiberfeind
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Und der Sänger begann sein Lied und sang: Dirne „Welt" liebt ihres Gleichen, drurn macht sie den Narren zum Reichen. Jedem Pinsel tut sie freundlich, süße Huld ihm zu erzeigen. Ja, die Weisen gehen irre, wandelnd nicht auf ihren Steigen. Was fall Weisheit, ist der Welt Gunst nur durch Torheit zu erreichen? Weisheit schenkt euch, welch ein Leben! wollt ihr noch ihr sein leibeigen? Da ward auf Gelehrte Jagd gemacht. Der Tugendprediger umgebracht; Und Wahrheit ward vom Spott erreicht. Sobald sie sich von Ferm gezeigt. Denn dringend war es und eilig Sie verfolgen polizeilich.-— Und der Sänger begann sein Lied und sang: Trug sitzt fest in jedem Munde, er regiert den Erdenring; Lügengeist hält offne Schule — Wahrheit! was ist das für Ding? Und die Erde ward voll von Raub, Das Heil'ge getreten in den Staub. Und Dirne Welt tat stolz sich tragen. Den Schleier keck zurückgeschlagen; Und alle Edelwollenden Entflohen vor der Grollenden; Die Neider und Streiter stiegen, Und Treue mutzte zu unterst liegen. Als nun der gefangene Verstand, Sah solches Vorgeh'n im Land, Die Klugen gestürzt vom Tron, Bedeckt mit Schmach und Hohn, Weitherrschend der Bosheit Sohn — Da flammt er in Glut aus. Eröffnend des Eifers Flutlauf, Begann er sein Lied und sang: O schlechte Brut auf stolzen Höh'n, des Schicksals Rad wird schnell sich dreh'n; Dann herrscht in Glanz der Edlen Schaar und nackt in Schmach wird Torheit steh'n! —