Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gestalten aus dem Osten
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 100% known words query
- IRI
…/3111067-3111084-3113874--2458-3114087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
198 „Wirst Du mich nicht wieder schlagen oder einen Stein aufheben?" „Aengstige Dich nicht", kam es leise vom Bette her, „komm herein, ich kann Dir nichts mehr zu Leide tun". Und so blieb Moses den Tag und die kommende Nacht bei dem Kranken, gab ihm Tee und Umschläge ganz so, wie er es bei Marja gemacht hatte, und als es des anderen Tags noch immer nicht besser werden wollte, da machte er sich auf, und lies, was er konnte, in das Städtchen nach dem Feldscher. Allein diesmal ging der Bader nicht mit zu dem Kranken; es ist ja dieselbe Krankheit, meinte er, wie bei der Frau, uno der Mann ist schon alt, auch hatte Moses keinen halben Rubel mehr für den Besuch. „Geh' nur nach Haus, und gib dem Mann von den Tropfen, die ich dort gelassen habe, mach' ihm warmen Tee und kalte Umschläge, und laß' mich in Frieden!" Die Augen des Kranken richteten sich mit fieberhafter. Ungeduld nach der Türe, durch die jetzt in eiliger Hast Moses eintrat. „Er kommt nicht", flüsterte Jakob, „es macht nichts, helfen kann er mir auch nicht mehr . . . meine Zeit ist schon da ... ich würde auch ruhig sterben, aber sag' Moses: war ich es wirklich, der Dich blutig geschlagen . . . habe ich den Stein geworfen nach meinem Wohltäter? —" Gegen Abend hatte er nach dem Geistlichen verlangt, und als dieser fortgegangen war, da winkte er Moses ganz nahe zu sich heran: „Moses", kam es kaum hörbar aus seinem Munde, „ich habe schlecht an Dir gehandelt, ich Hab' Dich oft beschimpft, Hab' Dich geschlagen . . . und gar mit Steinen nach Dir geworfen . . . und Du hast mir Gutes erwiesen . . . warum, was für einen Grund hattest Du mir Gutes zu tun für Böses? ..." Moses antwortete nicht, und als Jakob sah, wie seine Augen mit Entzücken an der Geige hingen, da wußte er^ daß es sein Spiel war, was den Juden so zu ihm hingezogen und daß er auch seine Schuld ab-