Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gestalten aus dem Osten
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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197 „Nichts Habe ich Dir genommen, nichts" beteuert Moses und duckt sich vor der drohend erhobenen Faust des sinnlos Berauschten, und ehe der Schlag seiner Kops trifft, macht er sich eilends auf, um aus der Nähe des Wütenden zu kommen. „Dieb! Mörder!" lallt dieser, „warte nur, jüdischer Spitzbube" und er hebt einen großen Stein von der Straße auf, und wirft ihn dem Davoneilenden an den Kopf. Das Blut rinnt dem Fliehenden über die Wangen herab, trieft auf den Kaftan nieder, und färbt den Staub der Straße dunkelrot. „Dieb! Mörder! Räuber!" schluchzt Jakob, der jetzt in die Stube wankt und sein Lager aufsucht, und während ihn: die Tränen in den Bart rinnen, denkt er an den Juden, den er blutig geschlagen, an Marja, die ihm gedient hatte' wie ein Hund, und dann schläft er ein . . . Des andern Morgens aber vermag sich der alte Sargmacher nicht mehr von seinem Lager zu erheben. Die Beine versagen den Dienst, der Kopf brennt ihn: wie Feuer, und kalter Frost schüttelt seine Glieder. Er möchte aufstehen, allein er vermag es nicht — er möchte schreie::, jemand herbeirufen, der ihm einen Schluck Wasser reiche oder ein Glas Branntwein, um seine Glieder zu erwärmen, allein die Kehle ist ihm wie zugeschnürt — da weiß er, daß es aus ist mit dem Leben, daß er keine Särge mehr machen, keinen Wutki mehr trinken, auch keine Geige mehr spielen-wird .... nein, elend verrecken wirst du, Väterchen, krepieren wie ein Hund, und kein Mensch wird dir beistehen in deiner letzten Stunde . . . da flössen ihm die Tränen übers Gesicht und er weinte über sein trauriges Ende. ... Sachte wurde die Türe geöffnet, und durch einen kleinen Spalt steckte' Moses den mit einem schmutzigen Tuche verbundenen Kopf herein. „Jakob!" rief er, „ich hörte Dich vom^Fenster aus jammern, was hast Du denn? . . . „Komm doch her", flüsterte der Kranke, „fürcht Dich nicht . . 7*