Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gestalten aus dem Osten
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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192 greisen und so den Mann vom Krankenlager der armen Marja wegbringen. „Nun siehst Du," gab er lächelnd zurück, „das ist's ja gerade, wegen dem ich zu Dir komme. Reb Schasste hat eine Bestellung für heut' Abend, wo wir sollen im Wirtshaus aufspielen, es wird gut gezahlt werden und Du sollst gleich auf der Stelle zu ihm kommen . ." „Ja, warum sagst Du das nicht gleich, dummer Jud'!" unterbricht ihn Jakob lachend; „statt da herum zu stehen und Dich in Familiensachen zu mischen, die Dich nichts angehen", und schnell nimmt er den Geigenkasten von der Wand und wendet sich zum Gehen. An der Türe bleibt er stehen. „Nun kommst Du denn nicht Moses? wer soll denn dort die Flöte blasen, daß sich alle Leute die Ohren zuhalten müssen, wenn Du nicht dabei bist." Zornig will Moses auffahren, allein er bezwingt sich, und mit einem wehmütigen Blick die Geige umfassend, die Jakob von der Wand nimmt, ruft er: „Lass' sie da — die Geige wirst Du jetzt nicht brauchen, er will ja blos mit Dir alles für heut Abend in's Reine bringen. Du weißt, er hat gerne pünktliche Leut', ich komme auch, jetzt Hab' ich noch ein' Weg" . . . Seelenvergnügt begibt sich der Sargmacher auf den Weg ins Wirtshaus, wo ihm ein guter Trank winkt, und wo es abends erst hoch hergehen wird mit Trinken und Essen, denn die reichen Burschen im Dorf lassen sich nicht spotten, wenn es heißt ihnen zum Tanz aufspielen, da bekommt so ein Musikant schon genug, seinen Durst zu stillen. Moses aber, der sich von Jakob an der Türe getrennt hat, wendet seine Schritte der entgegengesetzten Seite zu, dorthin wo das Dorf zu Ende geht und wo die Landstraße beginnt, die zu dem nächsten Ort führt — dorthin eilt in der sengenden Sonnenhitze der Jude; hastig schreitet er aus, er fühlt die glühende Sonne nicht, die ihm das Auge blendet, er hört die Schimpfworte der Kinder nicht, die dem armen Juden nachgerufen, und