Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1906-01-01 · 9 (1906) · p. Seite 174

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
9 (1906)
Article
Gestalten aus dem Osten
Date
1906-01-01
Page
Seite 174 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111084-3113874--2434-3114063
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

174 verschlossen und Schlojme sagte mir leise: „die Kinder könnten ausplaudern — man würde klatschen! Man muß vorsichtig sein!" Nach einem kurzen und leisen Gespräch mit seiner Frau öffnete Schlojme die Tür und bat mich näher zu treten. In der Mitte des Zimmers stand ein beleuchteter Tisch, nach allen Regeln des „Seder's" gedeckt. Auf diesem traditionellen Tische fehlte nur das Bitterkraut und die Mischung, die das ägypüsche Lehm (Chrausses) nachahmen und uns erinnern soll, daß unsere Vorfahre:: so schwer gearbeitet haben. Die Pyramiden, aus welchen sie gebaut wurden, dauern noch bis heute, so gut war der Stoff vorbereitet. Schlojme zeigte mir lächelnd den Stuhl, aus dem ein Kissen lag. „An diesem Abend," sagte er, „soll jeder von uns die Geschichte des jüdischen Volkes darstellen. Bei den Juden ist immer eins von beiden: sie sind entweder Sklaven oder Könige. Diese Stühle sollen Throne darstellen. Die Throne sind nicht dauerhaft, weil die Stühle wackeln, und bitte setzen Sie sich vorsichtig hin. Aber es sind doch Throne, und jeder Thron ist besser als Sklaverei." „Du bist manchmal witzig, Schlojme," sagte ich, und setzte mich auf meinen Thron. „Jeder Jude ist witzig," sagte Schlojme. „Wissen Sie, warum? Weil man ihn aus jeden Schritt und Tritt schneidet. Sobald er nur geboren ist und so bis zum Tode. Auf unserem Tische fehlen zwei Sachen: Bitterkraut, das uns . die Bitterkeit, und „Chrojsses," das an den Lehm erinnern soll. Ich finde, wir können beides vermissen. Brauchen wir erst an Bitterkeit zu denken? Wir leben jetzt auch nicht besonders süß; wir fabrizieren zwar keinen Lehm, aber man bewirft uns oft mit Schmutz." Natalia Petrowna kam herein. Sie war bis jetzt mit den Kindern beschäftigt, nun verschloß sie die Tür und setzte sich neben ihren Mann. „Setz Dich, meine Königin," lachte er sie an, „Dein Reich ist nicht groß, nur das kleine Zimmer, dieser Tisch, aber meiner Ansicht nach, desto besser. Weniger Kummer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.