Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gestalten aus dem Osten
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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178 „Das wollte ich eben sagen. Ach, was für eine Torheit habe ich begangen, was für eine Torheit!" „Warum eine Torheit?" „Denken Sie nicht, ich sei schon ein Narr. Ich sehe. Sie verstehen nur zu gut, was ich damit sagen will. Sie glauben vielleicht, die „Sünde" ängstigt mich? Ich versichere Sie — nein. Es ist etwas, was ich mir selbst nicht erklären kann. Wie ich jetzt jeden Juden beneide!" „Sogar die, die man aus Petersburg ausweist?" fragte ich. „Auch diese. Ich versichere Sie, ich würde jetzt gerne alle meine Rechte, meinen Wohlstand, alles abgeben, um die Möglichkeit zu haben, das zu sein, was ich früher war. Aber — man kann nichts tun. — Nun, werden Sie kommen?" „Bestimmt." Schlojme ging fort. Ich habe natürlich Wort gehalten und abends ging ich zu Schlojme. Er wohnte nicht mehr im Keller, sondern in einer kleinen Wohnung; in demselben Hause hatte er seine Arbeitsstube. Die Einrichtung der zwei kleine:: Zinrmer und der Küche war natürlich nichts Besonderes, alt, vom Trödelmarkt, aber für einen kleinen Handwerker ganz anständig. Es könnte zwar ordentlicher und reinlicher aussehen, aber, wenn man bedenkt, daß Natalia Petrowna, die gewesene Bejle, den ganzen Tag im Geschäfte sein mußte, und daß es ihr überhaupt ganz egal war, was und wie es um sie sei, so konnte man sich nicht Wundern. Nur das übergroße Bild vom Priester Johann, dem Wundertäter harmonisierte nicht mit der ganzen Einrichtung. Das Bild war in massivem Rahmen und vor ihm brannte ein Oellämpchen. Die breite Stirn des Wundertäters schien sich zu runzeln, wenn Natalia Petrowna im reinsten Jargon zu sprechen anfing, oder die Kinder halb russisch, halb jüdisch tratschten. Man erwartete mich. Die ganze Familie war festlich gekleidet und sah feierlich aus. Nur die Kinder waren unzufrieden, weil man sie nicht ins zweite Zimmer hereinlassen wollte. Die Tür war fest