Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gestalten aus dem Osten
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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172 liefern, daß er kein Jude sei. Materiell ging es also Schlojme ganz gut. Eines Tages kam er zu mir mit ganz rätselhaften und geheimnisvollen Mienen. „Ich habe eine große Bitte an Sie, aber ich fürchte. Sie werden sie mir ablehnen." „Was willst Du?" „Ich möchte Sie bitten, heute Abend zu mir zu Besuch zu kommen." „Was ist denn los?" „Wissen Sie, heute ist — der erste Oster-Abend bei Juden," sagte Schlojme stockend. „Willst Du einen Seder einrichten?" „Vielleicht nicht ganz, aber etwas in der Art. Es wird ,pesachtig' sein!" „Klöße auch?" lächelte ich. „Natürlich." „In diesem Falle komme ich bestimmt. Aber was ist mit Dir? Hast Du etwa Sehnsucht nach Klöschen?" „Es handelt sich nicht ums Essen." „Um was denn?" „Wie soll ich sagen . . .?" stotterte Schlojme, „ich möchte mich an die alten Zeiten erinnern." „Aber wozu brauchst Du mich dazu?" „Stellen Sie sich vor, Sie leben auf einer unbewohnten Insel; würden Sie nicht wünschen, Menschen zu sehen?" „Bestimmt, aber Du bist doch nicht auf einer Insel, und Du siehst jeden Tag hunderte und tausende von Menschen?" „Seien Sie gesund, wie Sie das nur sagen können! Ich sehe, wir machen Geschäfte, wir trinken zusammen, aber wird einer von diesen begreifen, was in meiner L-eele vorgeht, kann ich jemanden anvertrauen, was ich denke und fühle? Sind das für mich Menschen? es sind Bäume, die mich umgeben und ich bin immer wie im Walde. Jeder Mensch will doch einen andern haben. ." „Der ihn verstehen könnte," endete ich für ihn.