Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gestalten aus dem Osten
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Fürchtest Du die Strafe und willst Du Deine Sünden vertuschen?" „Nein". „Du glaubst nicht an die Hölle, und fürchtest Dich nicht vor der Strafe?" „Nein. Gott ist überall, und überall kann man zu ihm beten, dazu braucht man keine Synagoge. Ich weiß ganz genau, daß ich vor Gott meine Taten verantworten muß, und bin auch dazu bereit." Was wirst Du aber antworten, wenn man Dich fragen wird: Warum hast Du den Glauben Deiner Väter verlassen?" „Ich werde sagen: Gott, wenn du willst, daß die Juden den Glauben ihrer Väter erhalten, so mutzt du es so einrichten, daß man sie für diesen Glauben nicht haßt, nicht verfolgt, nicht verachtet, daß man ihnen erlaubt, menschlich zu leben. Du, großer Gott, der du die Gefühle und Gedanken des Menschen kennst, du weißt, ich habe es getan, um meine Kinder aus Hungersnot zu erretten. Für meine Kinder bin ich zu allem bereit, wenn ich auch in die Hölle gehen sollte. Es war nur für die Kinder, für nichts anderes." „Aber wozu gehst du in die Synagoge?" „Ich werde Ihnen offen sagen, ich kann nicht mehr" ... stotterte Schlojme. „Was kannst Du nicht mehr?" „Wie soll ich es Ihnen sagen? Ich kann mich nicht so gut ausdrücken, was ich denke. Es ist mir unmöglich, länger auf zwei Stühlen zu sitzen. Einmal im Jahre möchte ich wenigstens einen Stuhl unter mir fühlen." „Du sprichst heute in Rätseln," unterbrach ich ihn, „ich verstehe nicht, was Du damit sagen willst." „Seien Sie gesund! Sie, so ein gelehrter und gebildeter Herr, verstehen solche einfache Sachen nicht! So lange ich Jude war, saß ich auf einem Stuhle. Der Stuhl war alt, unbequem, zerbrochen, man mußte sich tüchtig daran halten, um nicht herunter zu fallen. Um nicht in der ewigen Angst zu sein, setzte ich mich auf den