Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gestalten aus dem Osten
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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169 entschließen konnte, zu sprechen. Ich wollte ihn los werden und so sagte ich: „Brauchst Du etwas von mir?" Er zuckte die Achseln. „Was könnte ich von Ihnen brauchen? Ich wollte nur etwas fragen." „So frage doch." „Ich weiß nicht, was Sie denken werden . . . ." stotterte er. „Ist es nicht ganz gleich, was ich auch denke?" sagte ich. „Nun" — sprach er leise, ängstlich auf die Tür blickend, als ob er sich fürchtete, gehört zu werden — „ich möchte wissen, wann Jom Kipur ist." „Man muß im Kalender Nachsehen. Aber sag mir, was geht es denn Dich an?" Im Zimmer herrschte tiefes Schweigen. Schlojme bezwang sich aber und sagte leichthin: „Es ist doch immer interessant zu wissen, wann Jom Kipur ist . . . ." „Mich interessiert es garnicht," erwiderte ich, nur umMhn zu provozieren. „Sie — das ist ganz was anderes. Sie sind ein gelehrter Herr, Sie lesen Zeitungen, Sie wissen eine Menge anderer Neuigkeiten, und für mich ist gerade dieses eine Neuigkeit." „Lügst Du nicht, Schlojme?" „Warum sollte ich?" „Weiß Gott, warum und weswegen Du lügst, aber daß Du in diesem Falle lügst, ist mehr als sicher. Du fragst nicht aus Neugierde." „Was für andere Gründe könnte ich haben?" „Der Grund ist sehr klar," sagte ich, „Du willst den Jom Kipur in der Synagoge verbringen." Schlojme erbebte, sein Lächeln verschwand, er blickte mit Schrecken und Verwunderung auf mich und nach einer kurzen Pause sagte er hilflos: „Man kann nichts vor Ihnen verbergen. Sie lesen in der Menschenseele wie in einem Buche." „So habe ich richtig geraten?" Schlojme nickte mit dem Kopfe. „Nun, sage mir jetzt offen, was Dich dazu bewegt!