Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gestalten aus dem Osten
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 8)
- Language
- German
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168 Freiheit gibt. Wahrscheinlich wollte er sich der Möglichkeit erfreuen, zeigen zu können, daß er auch ein Mensch sei. Sogar an seiner Art zu gehen sah man es deutlich. Früher ging er nicht, sondern schlich an den Menschen vorbei, wollte immer unbemerkt vorübergehen, und jetzt ging er gerade vor sich hin und achtete auf Niemanden. In seiner materiellen Lage sah man sichtlich eine Besserung. Ein Schild erschien bei ihm sehr bald; er hatte auch immer betrunkene Gesellen, denen er immer vor der Tür des Hauses eine Rede hielt über den schädlichen Einfluß des Alkohols. Er hielt es für seine Pflicht. Vielleicht hatte er dabei praktische Aussichten. Das Haus, in dem er wohnte, war voll von Arbeitern und Gesellen, die solche Reden nötig hatten und die immer mit Begeisterung Schlojme anhörten. Die Anwesenheit der Gesellen zeigte noch nicht, daß er viel Arbeit hatte; sie zeigte nur, daß Schlojme ein geschickter Mensch war. Da er nicht mehr zu zeigen brauchte, daß er ein Handwerker sei, und Tag und Nacht die Arbeit in der Hand halten mußte,' fing er an umher zu gehen, alte Schuhe zu kaufen, zu flicken und dann zu verkaufen. Woher er das nötige Geld hatte, weiß ich nicht, aber ich vermute, seine Paten haben ihm geholfen. In seinem ganzen Wesen bemerkte man eine Aenderung. Er wurde lustiger, lebensfroher. Wir sprachen nicht mehr von Judentum und Christentum. Ich hielt es nicht für nötig und ich wußte genau, daß früher oder später er sich selbst aussprechen werde. So gingen anderthalb Jahre vorüber. III. Im Herbst kam Schlojme einmal zu mir, um zu fragen, ob ich nichts flicken zu lassen hätte. Natürlich war es nur ein Vorwand; er kam um zu plaudern. Ich war gerade sehr beschäftigt, wollte lange Gespräche nicht anfangen, und wartete mit Ungeduld, daß er weggehe. Schlojme ging aber nicht, und man sah ihm an, daß er etwas auf dem Herzen habe, aber sich doch nicht