Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gestalten aus dem Osten
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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167 in seiner Haltung, zeigte sich eine Sicherheit, die fast frech war. Früher war er ein bescheidener, furchtsamer Mensch, der sich immer von Allen fern hielt, und jetzt war er überall zu sehen. Wenn er mich früher traf, so grüßte er nur, ohne mich aufzuhalten, letzt blieb er stehen, reichte mir sehr familiär die Hand und fragte: „Wie geht's?" Früher, wenn er den Schutzmann sah, der neben seinem Hause stand, so verbeugte er sich, zog schnell die Mütze herunter, und sprach: „Meine Hochachtung, Herr Schutzmann." Jetzt hörte er auf die Mütze abzunehmen und zeigte dem Schutzmann ganz offen seine Mißachtung. Ich war einmal Zeuge einer solchen Szene. Schlojme stand auf dem Trottoir mit zwei Tataren, denen er alte Schuhe abkaufen wollte. Der Schutzmann, der auf seinem Posten aus Langeweile umkam, sagte wohlwollend, um sich nur zu unterhalten: „Ihr Prinzen, und Du, Jerusalemer Bürger, könnt Ihr keinen andern Platz finden, um einen Markt zu errichten?" Man hätte Schlojme sehen sollen, was für einen Skandal er darauf machte! Wie. könne sich der Mann unterstehen, ihn einen Jerusalemer Bürger zu nennen? Als ich ihn später . traf unh ganz verwundert fragte, warum er so kriegerisch gestimmt war, erklärte er mir ruhig: „Er soll sich nur unterstehen, mich einen Juden zu nennen, jedem „von ihnen" würde ich dafür eine Ohrfeige geben . . ." „Warum gleich eine Ohrfeige" — neckte ich ihn absichtlich — „wofür? Du bist ja doch kein Franzose." „Was ich auch bin, es ist nicht ihre Sorge, es geht sie nichts an. Sie gaben zu, ich bin kein Jude mehr, und üe sollen sich nicht unterstehen, mich so zu nennen. Für das Recht, kein Jude mehr zu sein, habe ich teuer genug bezahlt." „Kostet es Dich viel Geld?" fragte ich. „Kein Geld aber mehr wie Geld. Ich zahlte mit meinem Gewissen und werde nie erlauben, mich auszulachen. Ich habe jetzt alle Rechte und pfeife auf alle." In dieser Hinsicht war Schlojme jenen ähnlich, die man lange in Gefangenschaft hält und ihnen dann die