Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Leopold Kompert
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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159 gegeben hatte, badete er in verschiedenen Phasen seiner Entwicklung anders, und zwar von Jahr zu Jahr freier und menschlicher. Das Alter, welches andere starr und unduldsam macht, gestaltete sein Wesen immer milder und klarer. Freilich bedeutet auch sein letztes Werk nicht den Abschluß seiner inneren Freiwerdung, und die Welt hat nie erfahren, wie weit er damit gekommen; es ihr zu sagen, hinderte ihn die zarteste Rücksicht, andere zu verletzen; nur seine Freunde wissen es und werden es darum doppelt als Unrecht gegen ihn empfinden, wenn man ihm engherzige konfessionelle Gesinnung vorgeworfen. Die hat er nie gehabt, sondern sein Standpunkt war anfangs ein rein konfessioneller — er schrieb von Juden für Juden — bis er sich zum allgemein menschlichen durcharbeitete. Schade, jammerschade, daß er uns nicht auch die Geschichte seiner eigenen Seele geschrieben — was wäre das für ein Buch geworden! Scheu und keusch hat er nur wenigen geoffenbart, was in ihm lebte, und nichts scheint mir für dies Verschleiern seines Verhältnisses zu den letzten und größten Fragen des Lebens bezeichnender, als jenes tiefe Wort, welches er einer seiner merkwürdigsten Gestalten in den Mund gelegt hat: „Nicht sollst du wissen, was man Alles tun darf!" Sein Bestes hat er auf dem Gebiete der Ghetto- Geschichte geleistet, und kaum zwei von den acht Bänden, die er uns hinterlassen, sind nichtjüdischen Inhalts — war man deshalb berechtigt, ihm den Namen eines deutschen Dichters abzustreiten? Hierüber mag er selbst sprechen. „So weit geht der blinde Haß!" schrieb er mir einmal aus einer Sommerfrische, als er Aehnliches über sich zu lesen bekommen. „Auf den Stoffkreis allein soll es ankommen? Wie wenig* besäßen wir dann an „wahrhaft nationalen" Werken! Auf die Anschauung? Ich habe als Mensch empfunden und mein deutsches Volk geliebt. Und ist denn, wenn wir von den Hüllen und Formen absehen, ein so großer innerer Gegensatz im Wesen beider Völker? Sind nicht Deutsche und