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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1906-01-01 · 9 (1906) · p. Seite 158

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
9 (1906)
Article
Leopold Kompert
Date
1906-01-01
Page
Seite 158 (sequence 12)
Language
German
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158 — als Erzähler im heimischen Ghetto verblieben und erst in seinem letzten Werke „Franzi und Heini" daraus emporgetaucht. Es geschah aus Interesse an dem Stoffkreise, weil ihn diese Volksseele mit faszinierbarer Gewalt anzog und zwang, ihren geheimsten Fühlungen nachzuspüren, weil er sein Behagen daran hatte, diese Figuren zu formen, diese Verhältnisse zu schildern; aber es geschah auch aus Liebe für seine Stammesgenossen und endlich, weil er damit die Pflicht gegen die Gesamtheit erfüllen wollte. Denn gegen den Vorwurf, blos um der Tendenz willen ins Ghetto gegangen zu sein, ist er zu verteidigen, und ebenso, daß er sich der Tendenz zuliebe jemals bewußt an der „filia Deiu, der dreimal heiligen Wahrheit, versündigt; aber daß er ein Tendenzdichter war, ist natürlich unbedingt zugegeben, und einen Vorwurf kann die Tatsache an sich in keines Vernünftigen Augen bedeuten. Und das Zeugnis eines Kenners wie Heyse sei dafür angerufen, daß Kompert in diesen Geschichten, „so sehr ihm das Wohl und die Zukunft seines Volkes am Herzen liegt, ein Vorwiegen tendenziöser und moralisierender Zutaten sorgfältig vermeidet und vor Allem danach strebt, Menfchenschicksale uns menschlich nahe zu bringen". Nur in jenen, bei ihm seltenen Fällen, wo nicht das Einzelschicksal oder das Problem, sondern die Tendenz der Ausgangspunkt des Kunstwerkes gewesen, ist die künstlerische Linie nicht ganz eingehalten, so in der Geschichte „Am Pflug", welche die Juden zum Ackerbau, in „Trenderl", welche sie zum Handwerk bestimmen sollte. Denn er war ein lichtfreundlicher Mann, die Einmündung des -Judentums in den allgemeinen Kulturstrom lag ihm sehr am Herzen, und eben darum die Beseitigung nicht blos des äußeren, sondern auch des inneren Ghetto; der Zelotismus hat ihm dies verdacht und ihn deshalb sogar vor den Richter gezerrt, wir wollen es ihm zum Ruhme sagen. Daß es mit der bloßen Emanzipation nicht getan sei, daß auch das Judentum zu diesem Zwecke Vieles aufgeben müsse, war ihm stets klar; über das Ausmaß dessen, was es auf-

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