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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1906-01-01 · 9 (1906) · p. Seite 157

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
9 (1906)
Article
Leopold Kompert
Date
1906-01-01
Page
Seite 157 (sequence 11)
Language
German
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157 Uebrigens sind jene beiden Jugendarbeiten, in welchen das sittlich Brüchige nicht vermieden ist, und ist besonders „Judith die Zweite" auch gegen jenes Schlagwort von der „Schönfärberei" ein kräftiges Beweisstück. Mit diesern Erstling aus der Preßburger Franzosenzeit von 1809 wollte er doch nichts für die Juden sagen, wagte sogar die Hoffnung nicht, daß Christen seine Arbeit lesen würden, und doch hat sich ihm der geradezu fruchtbare Stoff, der wahrlich nicht als Idylle zun Welt gekommen, unter den Händen als Idyll herausgewachsen. Man weiß, „Aus dem Ghetto" ist auch von Christen gelesen worden; sein erstes Buch, künstlerisch sein schwächstes, war buchhändlerisch sein stärkster Erfolg und erlebte trotz der Ungunst der Zeit — es fiel in die Zeit der Märzstürme von 1848 — wiederholte Auslagen. Man lauscht sofort der jungen Stimme, die Neues in ihrer Art zu erzählen wußte, und der Dichter ward nicht müde, zu erzählen; rasch folgten die „Böhmischen Juden", dann die Geschichte „Am Pflug", hieraus in längeren Pausen die „Geschichten einer Gasse" und die „Neuen Geschichten aus dem Ghetto". Ich darf hier aus Einzelheiten dieses Schatzes voll individuellen Lebens, voll feiner dichterischer Empfindung nicht Hinweisen, nur ein Zettelchen schreibe ich ab, welches ich von seiner Hand besitze: „Die Verlorene", „Die Kinder des Randars", „Jahrzeit", „Christian und Lea", „Der Min". Die Hand, welche diese Titel geschrieben, zitterte; es ist nicht seine schöne Schrift aus guten Tagen, deren ursprünglich kaufmännischer Duktus so eigentümlich durch phantastischen Zierrat individualisiert war; das Blatt stammt von 1884, wo er bereits sehr krank war. Da hat er mir in einer unvergeßlichen Stunde, wo er die ganze Summe seines Lebens zog, die Titel seiner Lieblinge ausgezeichnet, und das Blatt beweist auch, daß er Selbstkritik hatte; es sind tatsächlich die besten unter den vielen guten Novellen. Damals kam er auch darauf zu sprechen, warum er, mitten im Strome des Wiener Lebens stehend, ein guter Wiener und ein guter Deutscher,

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