Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Leopold Kompert
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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156 ihm blos die liebenswürdigen und harmonischen Naturen gelingen, sondern vielleicht am besten die seltsam gearteten Menschen, sosern nur ihr Kern gut und ehrlich ist: hier sei an die „Schwärmerin", den „Min", an „Gottes Annehmerin", den „Schlemiel", an „Veile Oberländer" und „Julius Arnsteiner" erinnert. Wer sich jedoch vergegenwärtigen will, wiewenig den Dichter harte und rauhe Menschen interessieren, denke an den Rabbi in der „Schweizerin". Mit dieser Eigenart mag es auch Zusammenhängen, daß ihm edle Frauencharaktere so prächtig gelingen; hier hat er, dem freilich durch ein gütiges Geschick als Muster eine herrliche Mutter, eine unübertreffliche Gattin beschieden waren, vielleicht sein Feinstes und Höchstes geleistet. Er war ein Kenner des Frauenherzeus wie wenige; jede Tonart, in welcher die Saiten des Herzens vibrieren können, verstand er anzuschlagen; nur eine Hab er blos in seinen Jugendnovellen schüchtern versucht und dann nie wieder; die sinnliche Verirrung hat er nie geschildert; seinen Werken fehlt der Pulsschlag der wilden Leidenschaft, wie er denn auch als Mensch voll keuschester Würde war. Mir taucht, während ich dies schreibe, eine Erinnerung an eine kleine Szene auf, die ihn nach dieser Richtung treffend charakterisiert. Bei des verstorbenen Levin Schücking letztem Besuche in Wien gab ihm Kompert ein Diner, zu welchem das Häuflein 'Wiener Poeten ziemlich vollzählig geladen war. Nach dem Speisen, im Rauchzimmer, erzählte einer der alten Herren ein lustiges Abenteuer aus seiner Studentenzeit; ein zweiter folgte — Schmutz war wahrlich nicht darin, nur eben Temperament. Als sich nun aber Schücking an den Hausherrn wendete: „Und Sie, Herr Doktor?" errötete Kompert wie ein Mädchen und sagte leise: „Ich habe derlei nie erlebt!" Welcher Hauch reiner Würde um ihn war, mag nun aber am besten der .mir immer merkwürdig erschienene Umstand beweisen, daß darauf Niemand mit einem Lächeln, geschweige denn einem Scherz erwiderte und das Gespräch nach fühlbarer Pause eine andere Wendung nahm.