Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Leopold Kompert
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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155 Zweite". Eine zweite Geschichte, gleichfalls in Preßburg spielend, aber viel freier erfunden, „Alt Babele", folgte rasch. Damit aber war der Preßburger Faden ausgegangen, und es bedurfte einiger Zeit, bis ich auf das Nächstliegende geriet: in die Heimat zu gehen, das böhmische Ghetto. Von dorther wuchs mir aus Kindheits-Erinnerungen die Gestalt des Schlemiel zu, durch einen Brief vom Hause der Stoff zu „Ohne Bewilligung", durch einen Besuch in der Heimat 184? kam ich zu den „Kindern des Randars". Da haben Sie^die Geschichte meines ersten Buches". Ich habe diesen Bericht nichts beizufügen; wer nun noch glaubt, daß Kompert sich lediglich aus Tendenzzwecken der Ghetto-Geschichte zugewendet und nicht, wie jeder Künstler, durch eine seltsame Mischung von Zufall, Instinkt und Erkenntnis auf den richtigen Weg geraten, der ist nicht zu überzeugen. Aber auch ein anderer Vorwurf entkräftet sich durch diese Tatsachen von selbst, jener der absichtlichen Schönfärberei. Es ist unleugbar, daß das jüdische Leben in Komperts Darstellung lichter erscheint, als es tatsächlich ist; nicht etwa deshalb, weil er die Vorzüge übertreibt — sie sind vorhanden — nicht weil er die Schatten und Verkehrtheiten ganz verschweigt, sondern weil er sie nicht so kräftig und nachdrücklich ausmalt, wie die Lichtseiten. Das aber war bei ihm kein Ergebnis berechnender Tenders, sondern seines künstlerischen Naturells, seines Gemüts, seiner Eigenart als Mensch; er konnte kein hartes Wort sagen, kein verdammendes Urteil sprechen; das Schlechte bereitete ihm geradezu eine seelische Pein, wohl lehrte ihn ein überaus feiner Instinkt, zwischen dem guten und dem bösen Menschen zu unterscheiden, aber ihm genügte dieser Schutz; er hielt sich den Bösen im Leben ferne, und in der Kunst widerstrebte es ihm gleichermaßen, einen widrigen Charakter zu zergliedern; wo er es dennoch versuchte, gelang es ihm nur halb, zuweilen garnicht. Daß er deshalb doch ein feiner Seelenkünder und als Charaktermaler trefflich ist, weiß Jeder, welcher seine Bücher gelesen; auch wirkt er keineswegs monoton, weil