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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1906-01-01 · 9 (1906) · p. Seite 154

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
9 (1906)
Article
Leopold Kompert
Date
1906-01-01
Page
Seite 154 (sequence 8)
Language
German
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154 dahin im guten Glauben, der Erste gewesen zu sein. Natürlich kränkte ihn dies nicht im geringsten, nur eines betonte er im Gespräche mir gegenüber, daß er durch Bernstein in keiner Weise angeregt worden; derselben Gelegenheit verdanke ich. die Aufklärung, wie er zu seinem Stoffkreise gekommen. „Ich war vierundzwanzig Jahre alt, Erzieher bei einem Grafen Andrassy in Hosfureth, der einzige Jude auf mehrere Meilen in der Runde, und mehr als ein Jahr war vergangen, seit ich zuletzt einen Juden gesehen. Ich weiß nicht mehr, durch welchen Zufall mir diese Tatsache in's Bewußtsein kam, aber die Wirkung auf mich war eine seltsame: das Ghetto kam mir so fern, so verschollen vor, als wäre ich Tausende von Meilen, Hunderte von Jahren von ihm entfernt — und aus dieser Empfindung heraus erhielt es plötzlich für mich, zu meiner eigenen Ueberraschung, seine poetische Bedeutung. Jedoch eine Dichtung aus diesem Stoffkreise zu holen, dachte ich noch immer nicht; mir war eine Anthologie von Volksmärchen in die Hände gefallen; dadurch angeregt, schrieb ich zuerst in mühsamem Besinnen, dann von den Erinnerungen aus der Kindheit förmlich überflutet, die „Märchen aus dem Ghetto" auf. So finden sie am Schluffe meines Erstlingsbandes „Aus dem Ghetto" abgedruckt; in Wahrheit sind sie meine erste Arbeit in diesem Buche. Nach längerem Zögern sendete ich die Märchen an L. A. Frankl, dessen „Sonntagsblätter" schon früher zahlreiche Aufsätze von mir gebracht; er akzeptierte sie und verlangte mehr. Das wunderte mich; ich hatte gedacht, daß diese Märchen nur Juden interessieren könnten, und die „Sonntagsblätter" hatten ja einen vorwiegend christlichen Leserkreis; nun, er mußte es besser wissen. Aber was ich an Märchen kannte, hatte ich ausgeschrieben, so dachte ich denn: Vielleicht versuchen wirs mit einer Novelle! Damit wird es freilich für . ein christliches Publikum nichts fein! . . . Von Preßburg her war mir eine alte Geschichte, die man dort erzählte, im Kopfe geblieben: ich schrieb sie fast ganz getreu der Neberlieferung nach, das war die Erstlings-Novelle des Bandes: „Judith die

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