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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1906-01-01 · 9 (1906) · p. Seite 150

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
9 (1906)
Article
Leopold Kompert
Date
1906-01-01
Page
Seite 150 (sequence 4)
Language
German
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150 Leopold Kompert hat mir in jener Stunde giterft von seinem ^ode gesprochen, wo er sich mit dem Gedanken befreundete, die größte Ehre und Freude anzunehmen, die einem Dichter werden kann, und nur im Hinblick auf den baldigen Tod fügte er sich in diese Freude. Schon daraus offenbaren sich zwei Grundzüge seines Wesens: Er war eine durchaus empfindsame, eine — das viel mißbrauchte Wort im reinsten Sinne genommen — sentimentale Natur und ein Mann, dem es bis zur Selbstqual Drang und Bedürfnis war, die Erscheinungen des eigenen wie des fremden Lebens, ja die Begehniffe des Tages snb specie aetemi anzuschauen und über dieselben zu grübeln, Drang und Bedürfnis, Alles tief zu fassen und schwer zu nehmen. Wie er darin sicherlich ein echter Sohn seines Stammes war, so in seinem unsäglich starken Familiensinn, der sich freilich durch sein reiches, tiefes Gemüt zur Liebe für seine Stammesgenossen überhaupt, dann für das Volk, in dessen Mitte er lebte, in dessen Sprache er dichtete, dessen Freiheitskämpfe er ehrlich mitstritt, zur Liebe für das deutsche Volk und darüber hinaus zum reinsten Humanitätssinn erweiterte. Auch anderes an ihm mahnte daran, daß seine Wiege in einem Ghetto gestanden hat: eine gewisse Gedrücktheit und schüchterne, ja scheue Zurückhaltung, die nicht blos dem Menschen, sondern auch dem Poeten anhaftete und diesen oft hinderte, das letzte, das erlösende Wort, auch wenn es ihm auf den Lippen brannte, offen auszusprechen, endlich die genau abwägende, fein ermessende Klugheit, die ihn im Leben und Schaffen gefährliche Klippen glücklich umschiffen ließ. So viel von den ererbten Eigenschaften, welche den Dichter behindert oder gefördert; was ihn eigentlich zum Dichter gemacht, waren natürlich, wie bei jedem Künstler, Gaben und Gnaden, die nur dem Individuum zukommen, nicht dem Stamme: das herrliche Gemüt, der feine Blick für die kleinen Dinge des Lebens und das scharfe Ohr für die leise Stimmen des Herzens, die reiche Phantasie, vollauf genügend, eine Handlung auszusinnen, und bewunderungswürdig in dem Reichtum an kleinen psycho-

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