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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1906-01-01 · 9 (1906) · p. Seite 149

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
9 (1906)
Article
Leopold Kompert
Date
1906-01-01
Page
Seite 149 (sequence 3)
Language
German
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149 Mittelalter ba§> erste Ghetto gestanden, war ihm eben darum vor vielen anderen Stätten unseres schönen, lachenden Wien, das er so heiß geliebt, teuer, und er wurde nicht müde, mir davon zu erzählen. Wie oft habe ich in solchen ersten Minuten unseres Beisammenseins denken müssen: und wenn Einer nichts von diesem Manne wüßte, müßte er ihn'dennoch lieben, ja verstehen. Auch an jenem Morgen war alles wie sonst, nur vielleicht die Pause etwas lang, bis er zögernd begann, er wünsche in einer wichtigen Sache meinen Rat. „Es ist etwas Freudiges", fügte er hinzu und blickte dabei so recht betrübt uud ratlos vor sich hin. Den Tag vorher habe eine einflußreiche Körperschaft , bei ihm angesragt, ob er eine Feier seines sechzigsten Geburtstages im nächsten Mai gestatten wolle; er aber habe sich Bedenkzeit erbeten, um mit den Freimden zu beraten, ob dies fchicksam fei; in der Regel tue man dies ja erst zehn Jahre später. Natürlich redete ich ihm das kräftig aus und berief mich auf Scheffel, der schon an seinem fünfzigsten Geburtstage gefeiert worden. Er blickte mich lange an, sein Blick ward innner weicher. „Ihr wirkliches Motiv aber verschweigen Sie! Sie gönnen mir die Freude, und darum scheint es Ihnen zu riskant, bis 1892 zu warten. Sie haben Recht!" Bestürzt lehnte ich den Gedanken ab, er aber blieb dabei. „Meine Jugend war zu hart, das wirkt nach; ein Goliath bin ich ja auch als Jüngling nicht gewesen, und so wollen wir uns denn" — der kleine, schwache Mann lächelte wehmütig — „so wollen wir uns denn feiern lassen." Er erhob sich und reichte mir die Hand; seine Lippen bebten. „Sie wollen doch nicht schon fort?" fragte ich, und als er stumm nickte, brachte ich die Rede rasch auf ein anderes Thema, bei welchem er Wohl zuhören mußte; er hatte mir die Freude erwiesen, meine Mithilfe bei der Ordnung seiner Gesamt-Ausgabe in Anspruch zu nehmen, ilnd wir waren eben an den „verstreuten Geschichten", die uns besondere Mühe machten. gelang es mir, feine seltsame Stimmung zu sänftigen, ganz verscheuchen konnte ich sie ihm nicht.

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