Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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145 solche edle, allgemein humane und dennoch oder gerade deshalb so spezifisch jüdische Gestalt wieder bringen wird?" Und Auerbach rief seinem alten Freunde zu: „Rießer tot! Ich sterbe hundertfältig. Ich sterbe mit den Menschen, die mein waren; die mächtigen Schauer des Verschwindens, das Denken, wie sich die Lebenswelle im Stromlauf der dura necessitas wieder schließt, und alles ist vorbei — das alles mache ich so entsetzlich durch. Das Dasein geht m Trümmer und Oedigkeit über, bevor man aus demselben scheidet." Was ist es denn nun aber eigentlich, was Rießer für uns so sympathisch und so bedeutsam macht? Er ist das Ideal eines Menschen, der Deutscher und Jude zugleich und beides in herrlichster Vollendung war. Ein begeisterter Patriot für sein Vaterland, ein energischer Verteidiger seines Stammes. Nicht ein Titelchen wollte er von der jüdischen Glaubenslehre für die bürgerliche Freiheit opfern: dennoch verlangte er diese für alle Bekenner der jüdischen Religion frei und unbeschränkt. Sein Wort und sein Beispiel wirkten zündend auf die Jugend, auf die Zeitgenossen, auf Juden sowohl wie auf Christen. Seine Glaubensgenossen gewöhnten sich daran, die Gleichstellung als eine Sache des Rechtes zu fordern, ohne dafür Gegenleistungen auf Kosten des Judentums anzubieten. Das war ein großer Fortschritt, der in erster Reihe Gabriel Rießer zu danken ist. Seine nach dem Tode gesammelten Schriften sind durch ihre Begeisterung für die Sache der Juden, durch ihre patriotische Gesinnung, nicht zunr wenigsten durch die Kraft seines Wortes und den Geist der Wahrheit, der uns daraus entgegenweht, neben den klassischen Schriften Ludwig Börnes das bedeutendste Denkmal der überreichen Emanzipationsliteratur. Wenn wir diese Schriften aufmerksam durchlesen, so ist es uns, als spräche Rießer auch noch zu dem modernen Geschlecht, zu den Juden von heute. Und das ist es, was ihn uns so sympathisch macht. Er ist auch ein Anwalt unseres Rechts, er ist auch für uns ein Lehrer und Mahner. Sein schneidender Hohn trifft auch die modernen Judenfeinde, sein bitteres Wort stigmatisiert auch die Fahnenflüchtigen 10