Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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143 Glaubensbrüder eintreten. Die Annahme des § 13 der deutschen Grundrechte, der den Besitz der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte als unabhängig vom religiösen Bekenntnis erklärt und somit die völlige Gleichstellung der Juden proklamiert hat, ist der herrlichste Erfolg seiner Lebensarbeit gewesen. Es kann natürlich nicht unsere Aufgabe sein, Rießers politische und parlamentarische Tätigkeit hier noch des weiteren zu schildern. Er wurde später in den Verfassungsausschutz gewählt und seine Rede über Annahme der deutschen Reichsverfassung mit Übertragung der Kaiserwürde an den König von Preußen waren nicht nur der Höhepunkt seiner Tätigkeit, sondern auch einer der erhabensten Momente in dem Leben jenes Parlaments. Rießer gehörte zu der Deputation, die Friedrich Wilhelm I V. die Erwählung zum Kaiser anzeigen sollte. Ein Jahr später wählte ihn dasselbe Hamburg, das ihm 30 Jahre früher die Ausübung der Advokatur versagte, in das Erfurter Parlament und zehn Jahre später wurde er zum Obergerichtsrat in seiner Heimat ernannt. Rießer war der erste deutsche Jude, der Richter und zwar Mitglied des höchsten Gerichtshofes wurde. Ein Jahr darauf wählte ihn seine Vaterstadt zum Vizepräsidenten der Bürgerschaft. Doch nur wenige Jahre hatte sich Rießer der hohen Stellung erfreuen können, zu der ihm das Vertrauen seiner Mitbürger berufen. Am 22. April 1863 starb er, 57 Jahre alt, von seinem Volke und von seinen Glaubensgenossen gleich innig betrauert. Sie hatten ja in ihm ihren treuen Freund nnd Berater, den Anwalt ihres Rechts, aber auch ihren eifrigen Mahner und Lehrer verloren. Auf seinem Grabe ward zwei Jahre später ein Denkmal enthüllt: ein Tempel mit dem Bildnis der Wahrheit, welche die Schlange der Lüge tötet. Das war das rechte Denkmal für diesen Vorkämpfer des Rechts und der Wahrheit! Wenn ich nun den Versuch wagen möchte, Rießers Persönlichkeit zu schildern, ohne ihn gekannt zu haben, so weiß ich wohl, wie schwierig und undankbar ein solcher Versuch ist. Ja, vielleicht ist er nicht einmal nötig, da