Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Mannesjahre, gegen Deutschland aus diesem Umstand entschuldigen, ich glaube, es sollte mir nicht schwer werden. Setzt die trefflichsten Naturen, mit gewaltigem Verstände und regsamen Gefühlen begabt, in eine Umgebung von Lieblosigkeit und Mißgunst, wie sie der Jude so oft bei seinem Eintritt in die Welt findet; laßt sie fühlen, wie man ihnen ihre Vorzüge beneidet und ihre Fehler belauert, um Vorwände des Hasses zu finden; laßt sie gequält werden von jener dummen Gemeinheit des Gewohnheitshafses, dessen Pfeile nicht töten, dessen Waffen keine scharfen Wunden schlagen, wo das strömende Blut den Schmerz erleichtert, die aber täglich an den Wunden nagen mit den stumpfen Zähnen, wie der Geier des Prometheus: ihre Seele wird lange und langsam bluten an diesen Schmerzen, und ist das Gefühl bei ihnen überwiegend, so wird es nie zu bluten aufhören; ist aber der Verstand mächtiger und findet sich allein in einer Welt voll Haß mit dem herrschenden Verstände und dem leidenden Herzen, so wird ihre Stärke sie aufrecht halten, aber sie werden sich dann starr und stolz in das Bewußtsein ihrer Kraft hüllen und werden kalt und bitter und lieblos werden, wie die Welt, die sie verachten. Der allgütige Vater der Menschen und der Liebe möge solche Seelen mit einer wärmenden Umhüllung liebender Herzen umgeben, die die rauhe Luft des Hasses von ihnen abhalten! Sonst werden sie auf die eine oder andere Weise der Notwendigkeit ihren Tribut zollen müssen." Etwas Besseres ist in diesem Zusammenhänge über Heine und Börne nie gesagt worden, und diese Worte richten sich auch an die Adresse gewisser moderner Literarhistoriker, die auch heute noch beiden Schriftstellern nichts als ihr Judentum vorzuwerfen wissen. Tatsächlich hat sich Rießer auch nicht geirrt. Beide wußten ihm wenig Dank für seine Verteidigung; ja Heine hegte sogar einen gewissen Groll gegen Rießer schon bevor er mit ihm in eine persönliche Verwickelung geriet. Woher dieser Groll kam? Weil Heine in Rießer den sittlichen Ernst erkannte, der ihm leider gefehlt hat und