Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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137 durch die inhaltschwersten Erfahrungen gewonnenen Ansicht. Keiner in Deutschland hat das alles so tief, so lebendig erfahren, keiner durchdringt täglich sich so von der Einsicht in das alles wie wir. Bietet mir mit der einen Hand die Emanzipation, auf die alle meine innigsten Wünsche gerichtet sind, mit der andern die Verwirklichung des schönen Traums von der politischen Einheit Deutschlands mit seiner politischen Freiheit verknüpft, ich würde ohne Bedenken die letztere wählen; denn ich habe die feste Ueberzeugung, daß in dieser auch jene enthalten." Wir können natürlich hier nicht alle Arbeiten Rießers im einzelnen analysieren. Uns ist es vielmehr nur darum zu tun, den Modernen das Bild eines Mannes aus halbvergangner Zeit in möglichster Klarheit darzustellen, und wir greifen deshalb nur die hervorragendsten Momente aus seinen Werken heraus, die sich nicht nur auf die politischen, sondern auch auf die literarischen Ereignisse der Zeit, soweit Juden und Judentum in Betracht kamen, erstreckten. Seit langer Zeit hatte keine literarische Arbeit ein so großes Aufsehen erregt, wie Ludwig Börnes „Briese aus Paris". Aber sie fanden eben so viele Widersacher wie Anhänger. Gegen einen derselben, den Collaborator Eduard Meyer in Hamburg, wandte sich Rießer in seiner Schrift „Börne und die Juden" (Altenburg 1832). Es ist heute noch von hohem Interesse, wie er über Heine und Börne im Zusammenhang sich ausspricht. „Beide sind in der Literatur nicht als Juden ausgetreten; bei beiden scheint es mir daher eine der Literatur unwürdige Klatscherei zu sein, daß man Lebensverhältnisse, die man gegen sie benutzen zu können meint, in die Beurteilung ihrer Schriften hineinzieht; beide werden es mir nicht Dank wissen, wenn ich von diesem Standpunkt aus ihre Verteidigung übernehme. Wären sie aber Juden und wollte ich ihre Mängel, wollte ich die Bitterkeit, die sich bei Heine allen Gefühlen beimischt, wollte ich Börnes Schroffheit, wollte ich seinen kalten Hohn gegen die Wiege seiner Kindheit, den Tummelplatz seiner Jugend, den Kampfplatz seiner