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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1906-01-01 · 9 (1906) · p. Seite 134

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
9 (1906)
Article
Gabriel Riesser
Date
1906-01-01
Page
Seite 134 (sequence 14)
Language
German
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134 aber mißbraucht die Bezeichnung nicht zu ungerechter Ausschließung- Dem Reiche der neuen Zivilisation gehören wir genau so an wie Ihr. Spinoza und Mendelssohn sind Juden in demselben Sinne, wie Eure größten und großen Männer Christen. Jene haben den besten Teil ihrer Bildung nicht aus dem Talmud, diese ihn nicht aus den Kirchenvätern geschöpft. Ihr müßt nicht die Besseren und Gebildeteren unter Euch den Schlechteren und Roheren unter uns gegenüberstellen, nicht die von uns, die Euch Achtung abgezwungen, als nicht zu uns gehörig Euch zurechnen. Ihr als die Stärkeren habt weniger Interesse daran, daß Abneigung und Vorurteil ein Ende nehmen; aber macht Ihr auf Menschlichkeit Anspruch, so müßt Ihr dazu beitragen. Wir fordern Gerechtigkeit und Unbefangenheit des Urteils. Ihr klagt: die Roheren unter uns seien Euch nicht liebreich. Unsere Masse hat keine Abneigung, nur Scheu, die natürliche Folge der Unterdrückung. Aber ist denn Euer Pöbel so liebreich gegen uns gesinnt? Oder ist es etwa nur Euer Pöbel, der uns gehässig begegnet? Meint Ihr das, dann lest, ich bitte Euch, lest diesen Paulus und seht wie jeder Gedanke, jedes Gefühl, jeder Ausdruck von Haß und Bosheit geschwängert ist; lest ihn mit seinen „Nationalen", seiner „Judenschaft", seinen „unfern Leuten", seinem „den Aegyptern abgenommenem Gold und Silber", lest auch die Produkte seiner Geistesverwandten, und dann sagt kurz, ob da Liebe zu ernten, wo Haß, Eintracht, wo Zwietracht gesäet worden? Wollt Ihr aber, daß wir in voller menschlicher Vereinigung mit Euch leben, so legt das Gehässige Eurer Ausdrucksweise ab. Nennt nicht mehr jüdisch das traurige Ergebnis der Schmach und Unterdrückung, die Euer Uebermut uns aufgebürdet, so wenig wir Hexenprozesse, Scheiterhaufen und Judenhetzen christlich nennen. Soll der Unterdrücker verzeihen, muß dieser ihm nicht die Spuren der Fesseln vorwerfen, mit denen er ihn gebunden." Rießer schließt diese, in sechs Tagen verfaßte Schrift mit folgenden Worten: „Daß wir die Freiheit anders auffassen, daß wir:

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