Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 133 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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133 Ihr mögt Recht haben: könnt Ihr aber die Lehre von den auserwählten Seelen, von der ausschließenden Gnade Gottes, die die Seligkeit nach Willkür dem Einen gewährt, dem Andern versagt, auch aus der Geschichte verdammen? — Könnt Ihr alle die Ströme des menschlichen Blutes, alle die Scheiterhaufen, könnt Ihr die beraubten und erwürgten, die durch Sklavenarbeit langsam zu Tode gemarterten Geschlechter Südamerikas aus der Geschichte streichen, die davon zeugen, daß die Lehre: der Ungläubige habe kein Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum, als eine christliche gelehrt worden? Ihr zündet die Fackeln historischer Untersuchung an, um herauszubringen, ob einmal in finsteren Zeiten ein finsterer Rabbi gelehrt, daß man dem anders Glaubenden weniger Treu und Glauben schuldig sei, als den Glaubensverwandten. Seht Ihr den Scheiterhaufen nicht durch die Nacht der Geschichte leuchten, der es mit Flammenzügen niedergeschrieben: „daß dem Ketzer nicht Wort zu halten?" Seht Ihr den kaiserlichen Schutzbrief nicht zerrissen daliegen, das Wort und die Ehre des ersten Herrn in der Christenheit in den Staub getreten, weil dem Ketzer nicht Wort zu halten? Ich bitte Euch, brecht die Rechnung ab mit der Vergangenheit, öffnet die Gräber nicht; lasset die Toten ruhen, sie würden fürchterlich gegen Euch zeugen." „Mit den Grenzmarken der neuen Geschichte bricht die Morgenröte eines neuen Lebens an. Das wiederbelebte Altertum trat richtend und versöhnend wie ein verklärter Geist zwischen die kämpfende, zerrissene Menschheit; die Offenbarung einer neuen Welt erweiterte den Gesichtskreis, gewahrte der verfolgten Freiheit einen Zufluchtsort; ein mutiger Deutscher protestierte gegen die Knechtschaft der Gemüter, brach der Freiheit der Geister eine Bahn, ein neu entdecktes Weltsystem gab dem Wissen neuen Schwung. — Auch wir gehören dem neuen, aus diesen Keimen erblühten Leben an. Wollt Ihr dies neuaufgeblühte Leben ein christliches nennen, so ist es gewiß ein kindlich frommes Gefühl, das Euch bestimmt, alles Gute für Eure Religion in Anspruch zu nehmen;