Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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130 ihres Eigennutzes betrachten, die Masse selbst allmählich des Druckes müde, um es besser zu haben, sich dem herrschenden Glauben hingeben würde — das erscheint Gott Lob Jedem, der die gemütliche Macht, die dem jüdischen religiösen Leben in allen seinen mehr oder minder aufgeklärten -Formen eigen ist, einigermaßen beobachtet hat, als eine absolute Unmöglichkeit." Und nachdem er alle Punkte erörtert und alle Angriffe zurückgewiesen, wendet er sich in flammenden Worten an seine Glaubensgenossen, um sie zum Kampf für chr gutes Recht zu begeistern. „Nationen können für ihre Freiheit mit dem Schwert kämpfen, und Mitwelt und Nachwelt beweinen und beneiden die Gefallenen. Eine schwache, zerstreute Religionspartei von der unendlich überlegenen Ueberzahl der eignen Landsleute unterdrückt, ist auf andere Waffen angewiesen. Es ist der Mut der Wahrheit, der auch dein Tode trotzen, wenn auch nicht ihn zu bieten vermag, mit dem wir den Sieg der Ueberzeugung zu erringen haben. Es ist die Sprache Luthers und Ulrich Huttens, mit deren mächtigen Tönen wir deutsche Herzen für unsere gute Sache zu gewinnen streben müssen. War es doch seit dem Anbeginn das Los unserer Vorfahren, mit geistigen Waffen zu kämpfen und zu siegen oder der rohen Gewalt zu unterliegen! Der siegende Gedanke ist uns das Prophetengebot, das den Sieg verleiht. Die Bemühungen für Wahrheit und Gerechtigkeit sind die zum Himmel gehobenen Arme, die chn von Gott erflehen. Laßt uns nicht ermüden, so lange wir Kraft haben! Der Glaube an die Macht und an den endlichen Sieg des Rechten und des Guten ist unser Messiasglaube: Laßt uns fest an ihm halten!" Wie ein elektrischer Schlag berührten die Flammenworte Rießers die Herzen seiner Glaubensbrüder und lösten ihre Schmerzen und belebten ihre Hoffnungen. Selbst die, die das Judentum bereits aufgegeben und in scheuer Zurückgezogenheit oder auch in demütiger Nachäffung christlicher Gebräuche und Manieren Duldung für ihre Existenz zu erreichen wähnten, selbst jene erkannten