Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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128 des Unrechts die Abhilfe nach kurzem Zwischenraum Nachfolgen muß. Mögen mich die, die anderen Sinnes sind, einen Toren schelten! Mögen sie immerhin meiner unerfahrenen Jugend ihre traurigen Erfahrungen, meinem heiteren Glauben ihr trübseliges Mißtrauen entgegensetzen. Hätte mich mein Vertrauen auf die Macht der Wahrheit getäuscht, müßte ich ditzse Täuschung mit einem Leben voll verfehlter Bemühungen büßen, so würde ich doch jener beklagenswerten Wirklichkeit gegenüber nie klagen, meine Täuschung zu teuer erkauft zu haben." Auch die Furcht vor dem Spott, der seine Bemühungen treffen könnte, schreckt ihn nicht. Allerdings ist diese Furcht nach einer Seite hin nicht unbegründet. „Edlen Naturen ist der Spott die letzte Waffe gegen, den übermächtigen Unterdrücker, wenn alle anderen ihren Händen entwunden sind; gemeinen Naturen ist er die letzte Waffe gegen den unterdrückten Schwachen, wenn sie alle anderen zur Genüge gebraucht haben. Dem Spott der letzteren ist daher in der Tat Jeder ausgesetzt, der sich des Rechts der Unterdrückten, zu denen er gehört, annimmt; aber Jeder wird auch in dem Bewußtsein der Güte seiner Sache leicht die geringe Kraft finden, die dazu erforderlich ist, jenen Spott zu verachten." In einer Sache, bei der es sich nicht um Tod und Leben, sondern nach der Ansicht des Verfassers um etwas Ernsteres, um Freiheit und Unterdrückung, um Recht und Unrecht, um Ehre und Schande, um Wahrheit und Lüge, um das rechtliche, vielleicht auch um das sittliche Sein oder Nichtsein von Hunderttausenden handle, erscheint ihm jedes Verschweigen, jeder Vorhalt, jede Schonung eine Sünde wider den heiligen Geist der-Wahrheit und der Menschlichkeit. „Die Zeiten der Glaubensmärtyrer sind vorüber; die Frage der Glaubensfreiheit selbst ist heut zu Tage mehr eine Frage des Rechts, der Ehre, der Freiheit, als des Glaubens. Aber das Vertrauen auf eine gerechte Sache ist auch ein Glaube; es kann auch begeistern zu Bemühungen und Opfern, die, wenn sie kein augenblicklicher Erfolg krönt, wohltuenden Samen in die Zukunft streuen können."