Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Und hier soll die Assimilation zur Geltung kommen, in des Wortes schöner, wahrer und edler Bedeutung. Zerstreut zwischen allen Völkern und Konfessionen möge die Judenschaft alles assimilieren, was wahrhaft gut ist. Der seines Vaterlandes beraubte Jude möge sich jenem Vaterlande assimilieren, das ihn als Bürger ausgenommen. Der Jude, der seine Muttersprache verloren, assimiliere sich jener Sprache, in der sich seines Lebens Lust und Schmerz äußert. Er diene nicht blos seinem Vaterlande, sondern er assimiliere sich auch die wahren Sitten seiner Bewohner. Er assimiliere sich die Freiheitsliebe und die politische Reife des Ungarn, die Ruhe des Engländers, seine Redlichkeit im Geschäfte und auch seine Religiosität, die Gründlichkeit und den Wissenseifer des Deutschen. Möge er überall das assimilieren, was gut ist. Aber er assimiliere nicht alles, und wenn und wo er es assimiliert, achte er darauf, daß er nicht das übertreibe, was er angenommen. Denn wenn man sieht, daß er als ungarischer Jude alle Rasfe-Magaren im Chauvinismus übertrunrpfen will und als kroatischer Jude sich all die Spitze der ungarfeindlichen Bewegung stellt, wenn er als Sozialist der größte Schreier und als Aristokrat der allerhochmüttgste Snob ist, wenn er in seinem Liberalismus soweit geht, daß er wie unser Glaubensgenosse, der berühmte englische Schriftsteller Zangwill sagt, „für den Liberalismus des andern kämpfend, sein eigenes Judentum verliert", wenn er andererseits als Jude in die Dienste der dunkelsten Reaktion tritt, wie es der Redakteur des Pariser „Gaülois", Meyer, der einer der schlimmsten Widersacher von Dreyfus gewesen; wenn sich in diesem Allen der Jude in den Extremen der Assimilation bewegt, dann glaubt man der Echtheit dieser Assimilation nicht, sondern hält alles für Trug. Als ich vor einigen Jahren gelegentlich einer Wanderversamnilung ungarischer Aerzte und Naturforscher in Nagyvärad, deren Sekretär ich damals gewesen, wiederholt mit dem früheren Präsidenten, Kardinalbischof Schlauch und einigen Mitgliedern seines Kapitels in Berührung kam, stritten zwei Domherren darüber, ob ich