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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1906-01-01 · 9 (1906) · p. Seite 119

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
9 (1906)
Article
Assimilation
Date
1906-01-01
Page
Seite 119 (sequence 13)
Language
German
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119 Jude sei. Der eine wollte dies aus meinem Namen folgern, während der andere aus diesem just das Gegenteil herausklügelte. Er behauptete nämlich, daß ich schon lange nicht mehr Schächter heißen würde, wenn ich Jude wäre. Diese Auffassung hatte der wackere Mann von der jüdischen Assimilation. Heutzutage, meine Herren, wo die Devise der „Assimilation" gar viele verführt und verblendet und wie ein Irrlicht in den Sumpf lockt, ist es um so notwendiger, daß wir uns über den Begriff und die Anwendung derselben völlige Klarheit verschaffen. Assimilieren wir die Tugenden, aber vermeiden wir die Nichtigkeiten. Assimilieren wir in der Weise, daß wir in die frischen Triebe des jüdischen Stammes, die Jugend, die edeln Reiser der modernen Kultur pfropfen und so die Früchte des alten Baumes schöner, besser, dauerhafter und edler züchten. Aber assimilieren wir nicht derartig, daß wir dem aus abgefallenem Laub und Unkraut zusammengetragenen Kompost gleichen, der den Boden düngt, indem er selbst verwest und vergeht. Täuschen wir uns auch nicht damit, daß selbst die weitgehendste Assimilation uns mit jenen versöhnen wird, denen die Juden ein Dorn im Auge sind. Die spanischen Juden hatten sich so innig assimiliert, daß spanisch noch heute, vierhundert Jahre nach ihrer Austreibung aus Spanien auf dem ganzen Erdenrunde ihre Muttersprache ist. In Alexandrien, Athen, Bukarest, Konstantinopel, Serajewo und Wien sprechen noch heute ihre Abkömmlinge spanisch unter einander. Vor vierhundert Jahren verliehen Spaniens Herrscher gar manchem Juden den Adel, und nicht blos jüdische Titular-Hofräte, sondern wirkliche jüdische Geheimräte verwalteten nicht selten wichtige öffentliche Aemter in den Staaten der iberischen Halbinsel. Schon vor vierhundert Jahren wetteiferten jüdische Sennoras mit Castiliens Damen an Schönheit, Geist, Luxus und Leichtfertigkeit. Vor vierhundertJahren schon traten tausende von Juden zum katholischen Glauben über, und während bei uns hie und da ein Titularbischof jüdischer Abstammung vorkommt.

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