Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3111067-3111084-3113871--2374-3114006- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
117 Ebenso merkwürdig ist, wie sich dies Verhältnis sofort in ausfälliger Weise verändert, sobald der wohlhabend gewordene Jude sich zu assimilieren beginnt und die traditionelle Lebensweise und Mäßigkeit der Juden ausgibt. Vor kurzer Zeit meldete man aus Amsterdam ähnliche Daten. In der Hauptstadt des Diamantenhandels sind die Wohnungsverhältnisse sehr arg. Auch die Kanalisierung ist schlecht, doch durchspült die Meeresflut glücklicherweise die Abzugskanäle. Hingegen gibt es dort wenig Staub und dies mag die Ursache sein, daß die Sterbequote hier günstiger ist, als in dem viel reinlicheren Berlin, nämlich 16 gegenüber 17 auf 1000. Das merkwürdigste ist jedoch, daß im jüdischen Stadtteil, mit den allerschlimmsten Wohnungs- und Ernährungsverhältnissen die Sterbequote blos 13 vom 1000 ausmacht. In dem schweren Kampfe ums Dasein behauptet sich die Judenschaft ganz gut. Die Assimilation hingegen gibt manche Chancen des Sieges Preis, obzwar es ihr Zweck ist, den Kamps zu erleichtern oder ganz zu vermeiden. Und gerade die moderne Naturwissenschaft lehrt uns, daß der Kampf nicht schadet, ja daß er notwendig ist. Der „struggle of life“ ist ein wichtiges Element der Entwickelung. Er hat auch derJudenheit nicht geschadet. Der Kampf um die Existenz ist mit der Judenheit untrennbar verbunden und hat uns zu tüchtigen Kämpfern für Ideen und unserer Individualität erzogen. Hat man uns das Schwert entwunden, schärfte sich unser Intellekt; als man uns der Freiheit beraubte, stählte sich unsere Willenskraft. In einer Ansprache sagte vor einigen Wochen der hervorragende englische Arzt Newholme: „AH forms of life on the earth. have been evolved through pain and struggle“, alles Lebende aus Erden hat sich nur im Schmerz und Kampf entwickelt, „without struggle degeneration must set in*4, ohne Kampf muß die Entartung eintreten. Im Interesse der Entwickelung dürfen wir daher vor dem Kampf nicht zurückschauern, sondern müssen vielmehr die Waffen erneuern, verbessern und die Kampfesweise schöner und edler gestalten.