Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111084-3113871--2372-3114004- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
115 meistens jedoch Zweckmäßigkeit- oder Nützlichkeitsgründe ins Treffen geführt. Ich kann jedoch diesen Angriffen gegenüber weder theologische noch historische, sondern rein wissenschaftliche Waffen ins Gefecht führen. Giebt es in der Natur, in der Biologie der Lebewesen, eine Assimilation, und wenn es eine giebt, bedeutet sie einen Fortschritt im Sinne der Evolution? Die erste Frage müssen wir bejahen. Ja, es giebt eine Assimilation. Die Pflanze, das Tier passen sich neuen Verhältnissen an, um leben zu können. Das Aklimatisieren der Pflanzen, das Zahmwerden ursprünglich wilder Tierrassen und ihre Verwandlung in Haustiere sind Ergebnisse der Assimilation. Ich muß jedoch bemerken, daß Tier und Pflanze sich um so schwieriger anpassen, je höher sie stehen. Hingegen ist die Anpassungsfähigkeit aller parasitären Lebewesen eine außerordentliche und ebenso wunderbar ihre stete Neigung hierzu. Die Pflanze, welche auf einem anderen Gewächs lebt, obgleich selbst von niedriger Art, zum Schluffe dennoch die Pflanze höherer Art zugrunde richtet, weiß sich der Mutterpflanze wunderbar anzupassen, sich ihr anzuschmiegen, sie zu umfassen. Das Tier, welches auf Kosten eines anderen lebt, schmuggelt sich in dessen Gehäuse ein und seine ganze Natur verändert sich, um sich tunlichst anzupassen. Das vollendetste dieser Art sehen wir bei den Bakterien, die sich ihrem Nährboden gänzlich anpassen. Ist derselbe günstig, so steigert sich ihre Vermehrung und der Grad ihrer Gefährlichkeit; im schlechten Nährboden werden sie bescheidener bleiben, aber stets auf der Lauer. Wir finden sie im lebenden und toten Organismus des Tieres, des Menschen, in der Luft, in der sie kaum fortkommen, im Wasser, in der Erde, ja selbst im Eise; überall wissen sie sich anzupassen, zu assimilieren. Doch nicht jede Assimilation ist echt. Es giebt Tiere, welche die Gestalt oder Farbe anderer nachahmen, um ihnen eine Falle zu stellen oder um selbst der Verfolgung zu entgehen. Diese Nachahmung ist blos vorübergehender Natur und es gilt unter dem Namen „mimicry“ hauptsächlich für Tiere niedriger Ordnung. 8*