Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 8)
- Language
- German
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114 feindselig gegen ihn auf. Russische Juden, die in London Sozialisten geworden, veranstalteten arn Jomkipurtage in der Nähe des jüdischen Tempels in East-End ein Demonstrationsmittagessen, und gar viele Abkömmlinge der heldenhaften jüdischen Märtyrer aus Rußland fallen in Amerikas freier Luft vom Baume der Judenheit ab. Und diesen Prozeß der raschen Umformung, raschen Entartung und Abfalls nennt man: Assimilation. Verehrte Herren! Vielleicht niemals ist Voltaires Paradoxon: „O'esr un privilege de Terrenr, de donner son nom ä une secte“, es sei ein Privilegium des Irrtums, daß man nach ihm eine Sekte benennen könnte; niemals, sage ich, ist die Wahrheit dieses Satzes derart durch ein Beispiel erhärtet worden, wie durch die Bildung zahlreicher neuer jüdischen Sekten im Zeichen der Assimilation. Nicht als ob die Assimilation, das Nachahmen der Anderen, die bis zur gänzlichen Umgestaltung gehende Anpassung im Judentume eine neue Erscheinung wäre. Noch lebten die Juden im eigenen Lande, der alte Tempel stand noch, als die griechische Kultur dort eindrang und in Verbindung mit ihr die olympischen Spiele in die Mode kamen. Auch die jüdische Jugend wollte sich im Diskuswerfen, im Wettlaufen und im Führen der Triga hervortun; da jedoch die griechische Sportkleidung den Körper teilweise unbedeckt ließ und die Jugend Israels sich des alten Bundeszeichens Abrahams schämte, ließ sie diesen Defekt durch plastische Operationen geschickter griechischer Aerzte ersetzen. Soweit brachte es schon damals die ärztliche Kunst und die Assimilation. Doch der Kampf um die Assimilation dauerte im Judentume ununterbrochen fort und bestürmte fortwährend die jüdische Differenzierung. Insbesondere steigerte sich dieser Kampf, so oft die Judenheit mit einer neuen Kultur in Berührung kam und durch das Fehlen äußeren Druckes an derselben auch teilnehmen konnte. Am gefährlichsten wurde der Kampf, wenn die Intelligenz der Juden sich an dem Sturm beteiligte oder ihn leitete. So wie heute wurden stets ästhettsche, fortschrittliche.