Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 7)
- Language
- German
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113 Damit wir uns von anderen Völkern absondern, dazu diente das Gesetz unseres großen Meisters Moses und seiner geistigen Nachfolger vorzüglich; dazu hingegen, daß wir uns stets zusammenschließen und Zusammenhalten war unsere Kraft nicht hinreichend. Die Judenheit gehört nicht zu jenen Körpern, die physikalisch genommen durch innere Anziehung, Cohäsion, zusammengehalten Werden. Wenn wir unbefangen den physikalischen Aggregat-Zustand der Judenschaft untersuchen, müssen wir gestehen, daß sie stets, sowie heute durch äußeren Druck zusammengehalten wurde und daß ihre Form stets von der Art und Größe des äußeren Druckes abhing. Stark ist ihr Zusammenhang, die Integration, nur dort und dann, wenn der Druck groß ist und jeden Einzelnen der Gesamtheit anpreßt; die Judenschaft wird aber eine lockere Masse, wenn der geringe äußere Druck das Lockern der Teile zuläßt. Unter dem entsetzlichen Drucke in Rußland, von dem der berüchtigte Minister Plehwe vor seinem Ende noch erwartete, daß unter seinem Einflüsse ein Drittel der Juden zugrunde gehen, ein Drittel auswandern und der Rest zur orthodoxen Kirche übertreten würde, hält die russische Judenschaft treu zu ihrem Glauben. Wenn auch nahezu so viele zugrunde gehen und auswandern, als Plehwe gehofft, verlassen von Zehntausend kaum zwei bis drei ihren Glauben, die übrigen halten in Leben und Tod unverbrüchlich zusammen. Anderwärts, insbesondere bei uns, wo offiziell die Juden nicht bedrückt werden und in Zeiten, wo das Blutmärchen nicht umgeht, auch die sozialen Verhältnisse erträglich sind, ist der Zusammenhalt der Juden leider ein lockerer. Aus diesem Grunde behaupte ich, sei unser Zusammenhalten, die Integration, nicht ganz unser Verdienst, vielmehr örtlich und zeitlich eine uns von außen aufgedrängte Tugend. Gar mancher Jude wanderte über Meere und Wüsten, um für sich und seine Kinder seinen Glauben zu bewahren und schon seine nächsten Nachkommen wenden sich von diesem Glauben ab oder sie treten gar 8