Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 6)
- Language
- German
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112 Zeitpunkte an, als der Patriarch, der Einen Gott anbetete, sich mit seinem nomadischen Stamm von den übrigen absonderte, bestimmte er für seine Familie auch ein körperliches Merkmal. Als seine Nachkommen sich aus fremdem Boden vermehrten und aus ihren Wanderungen in das viel höher zivilisierte Aegypten kamen, blieben sie trotz des vier Jahrhunderte wahrenden Aufenthaltes von Aegyptens Volke abgesondert, um sodann nach der Befreiung vom Sklavendienste unter der Führung eines der größten Menschen der Menschheit ein selbständiges Volk zu bilden. Freilich hat sich den 600 000 Juden bei ihrem Auszuge aus Aegypten viel fremdes Gesindel angeschlossen oder, wie die heilige Schrift es bezeichnet, erew-raw, und da von dem Schicksale dieses oro^-ra^ weiter keine Erwähnung geschieht, müssen wir annehmen, daß es im jüdischen Volke aufging, sich assimilierte. Wir finden auch die Spuren dieses Gesindels in den Wirren zur Zeit der Bildung des jüdischen Staates. Leider äußert sich dieser Atavismus auch jetzt noch hie und da in der Gesinnung mancher führenden Persönlichkeiten des Judentums, obwohl seither Jahrtausende verflossen sind. Aber abgesehen von dieser und sonstigen geringfügigen Assimilationen bleiben die Juden abgesondert. Ihre religiösen Satzungen, die gleichzeitig auch ihre sozialen Lebensverhältnisse beherrschen, beförderten die Absonderung, und die religiös und sozial abgesonderte Judenschaft schützte ein inniges Zusammenschließen, die Integration, Jahrtausende hindurch vor den: Untergänge in dem wogenden Meere der Völkermassen. Der jüdische Staat ist längst verschwunden; von einem fteien unabhängigen Volke der Juden lebt nur mehr die Erinnerung; doch das große Gesetz der Differenzierung wirkt noch immer fort und das Bestreben unserer Weisen, vom Judentume die Gebräuche anderer Völker fernzuhalten, förderte diese Differenzierung unbewußt in hohem Maße. Freilich müssen wir zugeben, daß der zweite mächtige Faktor der Entwickelung, die Integration, nicht das Verdienst der Juden war.